weltspiegel
Stand: 23.11.2025 09:16 Uhr
Der schwedische Wald ist bedroht. Jedes Jahr holzt die Forstwirtschaft rund 250.000 Hektar ab – eine Fläche etwa so groß wie der Staat Luxemburg. Umweltschützer warnen vor den Folgen des Kahlschlags.
Der Frühnebel hängt noch über dem kleinen Örtchen Särna im Westen Schwedens. Sebastian Kirrpu ist dennoch schon unterwegs. Der Schwede will zwei Biologie-Studenten aus Frankreich einen echten schwedischen Naturwald zeigen. Es geht über Stock und Stein, und nach einigen Minuten findet Kirrpu, was er gesucht hat: „Schaut mal hier, mein Lieblingspilz!“
Kirrpu kniet an einem abgestorbenen Baumstamm und schneidet mit seinem Messer ein Stück des bernsteinfarbenen Pilzes ab. „Wir Schweden nennen ihn ‚Lappticka‘.“ Diesen Pilz gibt es nur in sehr alten Naturwäldern und dieser Wald hier ist ökologisch gesehen zwischen 8.000 und 10.000 Jahre alt.“
Solche uralten Wälder in Schweden zu bewahren ist für Kirrpu eine Lebensaufgabe. „Schützt den Wald“ heißt seine kleine Organisation. Sie will aufklären über den Lebensraum von Pilzen, Pflanzen und Tieren. „Wenn man so einen Wald hier roden würde, dann verschwinden solche Pilze. Sie können nicht überleben. Und das ist in Schweden gerade eine riesige Gefahr.“
„Wir Schweden nennen ihn ‚Lappticka'“, sagt Waldaktivist Sebastian Kirrpu, als er den Pilz entdeckt. Würde der Wald gerodet, dann würden auch solche Pilze verschwinden, erklärt er.
Holz für Schweden wichtige Exportware
Die Gefahr, von der Kirrpu spricht, liegt nur wenige Kilometer entfernt. Der Schwede bringt seine Gäste aus Frankreich zu einer Stelle, an der erst kürzlich gerodet wurde. Per Kahlschlag. Etwa 70 Hektar Wald sind weg. „Am Anfang hat man sich noch darüber aufgeregt“, erzählt der Waldaktivist. „Aber in Schweden geht das nun schon seit 60, 70 Jahren so. Und die heutige Generation denkt oft, dass das hier völlig normal sei.“
Einst kam die Kahlschlag-Methode aus Deutschland. Bis heute hält Schweden daran fest. Auch weil sie günstiger ist als nur einzelne Bäume zu fällen. Jedes Jahr rodet Schweden 250.000 Hektar Wald – eine Fläche so groß wie das Land Luxemburg. Denn Holz ist für Schweden ein wichtiger Rohstoff und eine Exportware.
Als Bauholz, Papier oder Pappe geht es insbesondere in die EU, aber auch bis nach Indien. Die Schwedische Zellulosegesellschaft SCA bewirtschaftet etwa zweieinhalb Millionen Hektar Wald im ganzen Land.
In der Plantage der Schwedischen Zellulosegesellschaft SCA wachsen neue Pflanzen.
Kein Verständnis für Kritik an Waldrodungen
Ola Kårén und seine Kollegen wählen aus, wo gerodet werden darf und kümmern sich um den Nachschub. „Wenn wir abholzen, bestimmen wir zunächst die Baumart. Als Nadel oder Laubbaum. Wir untersuchen den Boden. Und setzen dann neue Setzlinge aus. Diese Planung machen wir viele Jahre im Voraus, so dass wir immer Nachschub haben.“
Kritik an den Waldrodungen kann Kårén nicht nachvollziehen. Auf einer Plantage zeigt er, in was sein Unternehmen gerade investiert. Hunderte dicke Tannen wachsen auf der Anlage.
Wir haben diese Pflanzen ausgewählt, weil sie die Besten sind. Durch ihre Samen entstehen Bäume, die 30 Prozent schneller wachsen. Das bedeutet auch, dass sie schneller Kohlendioxid binden können. Und diese Bäume werden sich auch besser an künftige Klimaveränderungen anpassen. Wir haben hier also eine Art Versicherung für den Klimawandel.
Ola Kårén, Schwedische Zellulosegesellschaft SCA
Schwedens Forstbetreiber legen Wert darauf, dass sie alle gerodeten Flächen wieder aufforsten.
Sebastian Kirrpu engagiert sich gegen die systematische Rodung des Naturwaldes in Schweden.
Wiederaufforstung – „Vielfalt eingeschränkt“
Bengt-Gunnar Jonsson forscht an der Universität Sundsvall. Er warnt: Die Wald- und Forstindustrie habe bereits 70 Prozent der bewaldeten Flächen des Landes verändert.
Die Folge ist, dass die Vielfalt eingeschränkt wird. Denn sie pflanzen ja in der Regel nur eine Baumart nach. Also bekommen wir zum Beispiel reine Fichten oder reine Kiefernwälder. Aber die Organismen in einem Wald sind von einer großen Vielfalt abhängig. Sie brauchen kleine und große Bäume, alte und tote. Aber in unsere Forstwirtschaft hat das keinen Platz mehr.
Bengt-Gunnar Jonsson, Universität Sundsvall
Verschwinden die Naturwälder?
Schwedens Naturwälder seien in Hunderten von Jahren entstanden, so Jonsson. Gehe die Abholzung in Schweden weiter wie bisher, könnten sie bald ganz verschwinden. „Eine Fläche, auf der Bäume wachsen? Davon haben wir in Schweden genug. Aber wenn wir Wald als ein Ökosystem begreifen, in dem die Natur funktioniert und alle Arten ihren Lebensraum haben, haben wir in Schweden nur noch sehr wenig Wald.“
Waldaktivist Sebastian Kirrpu ist mit seinen Gästen aus Frankreich mittlerweile an seinem Lieblingsplatz angekommen. Von hier oben können sie bis nach Norwegen schauen. Über echten Naturwald hinweg. „In Schweden heißt es oft: Wir haben ein schönes Land mit viel Wald. Aber das stimmt nicht. Das hier ist einer der wenigen Plätze mit Naturwald. Das gibt es kaum noch.“
Sein Kampf gegen die Waldindustrie – wohl aussichtlos. Der Schwede will trotzdem weitermachen. Dem Naturwald zuliebe.








