Stand: 23.11.2025 08:30 Uhr
Immer mehr Mädchen und auch Jungen leiden unter Bulimie oder Magersucht. Aber auch die bislang wenig bekannte Essstörung ARFID nimmt zu. Was sind die Gründe?
Wenn ein Kind im Alter zwischen drei und sechs Jahren plötzlich weniger oder nur bestimmte Lebensmittel essen will, ist das meist eine vorübergehende Phase. Doch bei etwa zwei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren führt die bislang kaum bekannte Essstörung ARFID (Abkürzung des englischen Fachnamens “Avoidant or Restrictive Food Intake Disorder”) zu einer dauerhaften und extremen Fixierung auf sehr wenige Lebensmittel.
Oft werde ARFID als „Picky Eating“, als Rosinenpickerei oder absichtliche Mäkelei an Speisen, missverstanden, sagt Andrea Hartmann Firnkorn. Sie forscht im Bereich Experimentelle Klinische Psychologie an der Universität Konstanz. Betroffene zeigten jedoch Desinteresse am Essen und verzehrten nur sehr wenige, oft appetitanregende und hochkalorische Nahrungsmittel wie Pizza, Pommes oder Eis.
ARFID bleibt oft unerkannt und wird verharmlost
Anders als bei Bulimie oder Anorexie sind die vorrangigen Ziele der vermeidend-restriktiven Ernährungsstörung ARFID nicht das Erreichen eines bestimmten Körperbildes oder der Wunsch, abzunehmen. Trotzdem führt ARFID langfristig zu einer Fehlernährung, die in der Praxis im Zusammenhang mit Mangelerscheinungen und in der Regel auch Untergewicht bei Kindern oder Jugendlichen entdeckt wird.
Fachärztin Silke Naab behandelt Jugendliche mit Essstörungen in der Schön Klinik Roseneck, darunter vereinzelt ARFID-Patienten. Sie empfiehlt Eltern, im Gespräch herauszufinden, warum ihr Kind sein Essverhalten verändert und zu beobachten, ob es dauerhaft sehr wenige Nahrungsmittel und ungern isst.
Vermeidendes Essverhalten erzeugt großen Leidensdruck
Ulrich Voderholzer ist klinischer Direktor der Schön Klinik Roseneck und forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zu Essstörungen. Er betont eine dünne Studienlage, allerdings spielten genetische und biologische Faktoren generell bei Essstörungen eine Rolle. Beispielsweise hohe Sensibilität für sensorische Empfindungen wie Geruch oder Geschmack. Auch Persönlichkeitsmerkmale wie Ängstlichkeit oder Gewissenhaftigkeit werden häufig beobachtet. Bei neuropsychologischen Störungen wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen tritt ARFID häufiger auf.
Oft ist die Essstörung mit weiteren psychischen Erkrankungen, wie einer Depression oder einer Angststörung, verbunden.
Die Ursachen der Erkrankung werden noch erforscht
Mediziner Voderholzer beobachtet eine zunehmende Verunsicherung von Kindern und Jugendlichen durch die teils widersprüchlichen oder unwissenschaftlichen Ernährungstipps in sozialen Medien. Der unkontrollierte Medienkonsum könne bei Heranwachsenden zu Angst vor Unverträglichkeiten und bestimmten Nahrungsmitteln führen.
Bekannt ist, dass Ereignisse in der Kindheit zu negativen Assoziationen führen können, die Betroffene dann oft generalisieren. Es kann zum Beispiel passieren, dass ein erkältetes Kleinkind sein Abendbrot schlecht schlucken konnte und dann eine allgemeine Angst vor trockenen Lebensmitteln entwickelt. Oder dass eine Magen-Darm-Erkrankung fälschlicherweise auf ein bestimmtes Nahrungsmittel zurückgeführt und dann jede Art von Gemüse oder Obst gemieden wird.
Schon die Konsistenz eines Lebensmittels kann Ekel und dauerhafte Abneigung hervorrufen – etwa trockene, flüssige oder breiige Lebensmittel. Auch Farben und Gerüche können zur extremen Vermeidung führen. Viele ARFID-Erkrankte schämen sich für ihre extreme Fixierung auf sehr wenige Lebensmittel, die sie auch an sozialen Aktivitäten, wie Familienessen, Kindergeburtstagen oder Restaurantbesuchen hindert.
ARFID als wichtige Differentialdiagnose zur Magersucht
In den USA wurde ARFID bereits 2013 im ICD-11 als eigenständige Krankheit aufgenommen, dies erwarten Experten auch für Europa und Deutschland. Damit die Essstörung mit kognitiven Verhaltenstherapien gezielt behandelt werden kann, ist die frühzeitige Diagnosestellung wichtig.
Therapieziel ist, bei Erkrankten ein gesundes Normalgewicht zu erreichen oder zu erhalten. Dafür helfen die Therapeuten schrittweise dabei, Ängste oder Ekelgefühle zu überwinden, um eine ausgewogene und vielfältige Ernährungsweise zu erreichen.
Leipziger Forschende entdecken ARFID-Symptome bei Adipositas
Zwar fehlen belastbare Zahlen zur tatsächlichen Verbreitung von ARFID in Deutschland: Offenbar erhalten nicht alle Betroffenen eine geeignete Therapie im Jugendalter. Eine aktuelle Studie zeigt, dass auch Erwachsene mit Adipositas über Symptome der Erkrankung berichten. Das ergab eine Online-Umfrage, die Ricarda Schmidt in diesem Jahr an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Leipzig leitete.
Aufgrund ihrer Ergebnisse sollten Diagnostik und Screeningverfahren überprüft werden, so die Forscherin.
Forschung zu spezieller Therapie stehen noch am Anfang
Im Zweifelsfall helfen die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt, um abzuklären, ob eine Essstörung vorliegt und welche Behandlung im Einzelfall erforderlich ist. Bislang fehlten belastbare Langzeitstudien zum Krankheitsverlauf und Therapieerfolgen bei ARFID.
Derzeit erprobt das Forscherinnenteam der Universität Konstanz ein neues ARFID-Online-Therapie-Programm. Hartmann Firnkorn geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Aufgrund der allgemein zunehmenden Essstörungen bei Jugendlichen gebe es Wartelisten für Therapieplätze – und auch die Kapazitäten bei Pilotstudien seien ausgebucht.
In Kooperation mit US-Psychologinnen und in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Telemedizin (ZTM) erforscht das Team, wie eine stufenweise Hilfe für betroffene Familien aussehen könnte. Im ersten Schritt soll eine Selbstlernplattform über die Erkrankung aufklären. Langfristiges Ziel des Projekts ist zu prüfen, ob und in welchen Fällen ein rein digitales Angebot mit vereinzelten Videotherapie-Stunden eine geeignete Behandlungsmöglichkeit darstellt.








