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COP in Brasilien ist zuende – Wissenschaftler sind nicht zufrieden

Suedpole. by Suedpole.
16:34:59 24. November 2025
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COP in Brasilien ist zuende – Wissenschaftler sind nicht zufrieden

Ottmar Edenhofer

Nach der COP30 in Brasilien „Nicht das erreicht, was wir hätten erreichen müssen“

Stand: 24.11.2025 17:14 Uhr

Das Abkommen der COP30 hat nicht alle Länder zufriedengestellt. Klimaökonom Edenhofer sagt, künftig werde es darum gehen, Wege zu finden, wie kleinere Koalitionen von Ländern belastbare Schritte in die richtige Richtung tun können.

tagesschau24: Einige Länder sind mit dem Abschluss dieser COP nicht zufrieden. Wie ist Ihre Haltung?

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Ottmar Edenhofer: Wir haben nicht das erreicht, was wir angesichts der Herausforderungen hätten erreichen müssen. Wir werden in den nächsten Jahren die 1,5 Grad Grenze überschreiten.

Wir haben jetzt nur noch die Chance, dass wir dieses Überschießen der Temperatur kompensieren, in dem wir erstens radikal Emissionen senken und im zweiten Schritt Technologien einsetzen, mit denen wir CO2 aus der Atmosphäre ziehen. Dass an diesen Technologien kein Weg vorbeiführt, ist auch in Belém klar geworden. Aber gemessen an den gewaltigen Herausforderungen und auch gemessen an den steigenden weltweiten Emissionen sind wir weit, weit hinter dem zurückgeblieben, was wir hätten erreichen müssen.

Kleine Koalitionen finden

tagesschau24: Ein Datum für den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas steht nicht im Abschlusspapier. Was bedeutet das?

Edenhofer: Das bedeutet jetzt zunächst schlicht und einfach, dass es keinen konkreten Ausstiegsplan gibt.

Ich glaube aber, dass man eine solche Weltklimakonferenz nicht allein daran messen darf, was in der Abschlusserklärung steht, sondern es geht in der Zukunft sehr viel mehr darum, Wege zu finden, wie kleinere Koalitionen von Ländern belastbare Schritte in die richtige Richtung tun können. Und dann müssen nicht alle anderen 194 Länder zustimmen.

Klimazölle könnten ein wichtiger Schritt sein

tagesschau24: Gibt es aus Ihrer Sicht Anzeichen dafür, dass es diese kleineren Koalitionen gibt?

Edenhofer: Ja, die gibt es in der Tat. Also das Beispiel ist der Regenwaldfonds. Der würde auch funktionieren, wenn nicht alle mitmachen. Auch bemerkenswert ist aus meiner Sicht, dass in der Zukunft über Klima und Handel geredet werden soll.

Also die Frage, dass und ob Länder Klimazölle erheben dürfen. Das ist aus meiner Sicht ein extrem wichtiges Thema. Warum ist es wichtig? Klimazölle schützen die heimische Industrie, wenn Staaten eine ehrgeizige Klimapolitik betreiben. Und diese Klimazölle haben noch eine weitere Wirkung. Die führen dazu, dass Staaten wie zum Beispiel die Türkei Emissionshandelssysteme einführen, weil sie dann die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung im eigenen Land halten können und nicht an die europäischen Finanzminister überweisen. Solche Initiativen sind wichtig und bedeutsam, aber aktuell noch ein bisschen unter dem Radar. Aber ich glaube, man muss die künftigen Weltklimakonferenzen sehr viel mehr danach ausrichten, dass man solche kleineren Koalitionen zustande bringt.

Zur Person

Ottmar Edenhofer ist Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Lehrstuhlinhaber für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin. Bis 2015 saß er acht Jahre an der Spitze des Weltklimarats, der die Vereinten Nationen und die Regierungen der Welt mit wissenschaftlichen Fakten zum Klimawandel versorgt.

Sicherung des langfristigen Wohlstands

tagesschau24: Wie kann es gelingen, dass Klimaschutz und Wirtschaft sich nicht ausschließen? Es gibt dieses Argument, dass der Klimaschutz der Wirtschaft schaden würde. Ist das so?

Edenhofer: Mittelfristig ist das natürlich nicht so, denn es geht bei der Frage Klimaschutz um die Sicherung des langfristigen Wohlstands. Denn die Klimaschäden werden auf uns zukommen, und zwar massiv. Nicht nur in Europa, der sich ohnehin am stärksten erwärmende Kontinent, sondern auch bei unseren Handelspartnern. Für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland kann das nicht gleichgültig sein. Klimaschutz ist deshalb auch ein wirtschaftlich sinnvolles Investment: Es schützt uns vor ungebremsten Klimawandel und den Folgekosten. Das gerät sehr oft aus dem Blick.

Zweitens stimmt es: wenn einige Länder, wie zum Beispiel die Europäische Union, mehr tun, während andere kaum handeln, dann kann das zu einem Wettbewerbsnachteil führen.

Aus meiner Sicht sind da Klimazölle ein wichtiger Schritt. Sie schützen die heimische Industrie und senden zugleich ein Signal an andere Länder: Führt eigene CO2-Bepreisungssysteme ein, dann entfällt der Klimazoll und ihr könnt die Einnahmen im eigenen Land verwenden. Das ist aus meiner Sicht ein extrem wichtiger Schritt für einen für Klimaschutz in einer Welt mit großen geopolitischen Verwerfungen.

Kein historisches Vorbild für den Klimawandel

tagesschau24: Sie haben gerade gesagt, es würde uns auch treffen. Was konkret würde uns erwischen?

Edenhofer: Wenn wir nicht handeln, werden zukünftig vermehrt Hitzewellen auftreten, mit deutlich mehr Todesfällen im Sommer. Trockenperioden werden zunehmen, ebenso Extremwetterereignisse.

Der Klimawandel ist eine der großen Herausforderungen der Menschheit. Das hat sich in den letzten zehn Jahren nicht verändert, auch wenn das Thema gegenwärtig angesichts der multiplen Krisen, in der in der Tagesordnung der internationalen Politik weit nach unten gerutscht ist.

Wir haben keine belastbaren Vorstellungen davon, wie eine Welt aussieht, die sich um mehr als drei, vier Grad erwärmt. Dafür gibt es bislang kein historisches Vorbild. Es geht hier um Risikovorsorge und darum, sich vor großskaligen Risiken zu schützen. Denn diese Risiken bedeuten nicht nur mehr extreme Wetterereignisse. Sie umfassen auch Kippprozesse wie im Amazonasgebiet. Dort könnte das Risiko steigen, dass der Amazonas von einer Nettosenke für CO2 zu einer Nettoquelle wird. Ein solches Kippen des Amazonas hätte auf das Weltklima erhebliche Auswirkungen und auch auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes wie Brasilien.

Kooperation mit China

tagesschau24: Der Klimaschutz scheint im Moment nicht ganz oben auf der Agenda der Länder zu steht. Was erwarten Sie von der deutschen Politik?

Edenhofer: Es wäre gut, wenn Deutschland sich jetzt anstrengt und an diesen kleineren Koalitionen aktiv beteiligt. Ich finde es zum Beispiel sehr sinnvoll, wenn wir über die Finanzierung bei dem Regenwaldfonds und bei dem Thema Klimazölle in der Europäischen Union weiter vorangehen.

Aber ich fände es auch gut, wenn wir den Versuch unternehmen, zum Beispiel mit China zu kooperieren. China ist genauso wie die Europäische Union ein Nettoimporteur von Öl und Gas. Es ist im Interesse beider Länder, die Öl und Gasimporte zu reduzieren. Man könnte diese Importe mit einer Gebühr belegen, die in einen Fond einbezahlt wird. Mit dem Geld könnte man zum Beispiel in Entwicklungs- und Schwellenländern den Kohleausstieg finanzieren und so die Verminderung des Öl-und Gasverbrauchs voranbringen.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich damit bis zu 41 Milliarden Dollar pro Jahr mobilisieren ließen. Würde man zusätzlich den internationalen Flugverkehr und den Schiffsverkehr besteuern, kämen weitere 144 Milliarden Dollar  dazu. Damit könnte man in vielen Ländern sehr, sehr ambitionierten Klimaschutz finanzieren.

Koalitionen organisieren

tagesschau24: Sehen Sie in der deutschen Politik Anzeichen für solche Schritte?

Edenhofer: Anzeichen gibt es in der Tat. Bei der Besteuerung des maritimen Schiffsverkehrs hat es zuletzt erhebliche Anstrengungen gegeben, bis die USA das Vorhaben unterbunden oder zumindest torpediert haben.

Gerade deshalb wird es wichtig sein, dass Europa und auch Deutschland lernt, bei Bedarf Koalitionen zu organisieren, die nicht automatisch mit den USA übereinstimmen. Wir müssen lernen, uns auf dem Feld der internationalen Ressourcenmärkte und der internationalen Gütermärkte sehr viel strategischer zu verhalten, als wir das in der Vergangenheit gemacht haben.

„Wir brauchen belastbare Umsetzungsschritte“

tagesschau24: Wie schnell müssten wir handeln?

Edenhofer: Wir müssten sehr viel schneller handeln. Aber mit der ständigen Ansage, „wir haben keine Zeit mehr“, haben wir schon sehr viel Zeit verloren. Entscheidend ist anzuerkennen, dass wir im globalen Klimaschutz nicht so schnell vorangekommen sind wie wir hätten sollen. Und es hilft nicht, die Geschwindigkeit dadurch erhöhen zu wollen, indem wir uns ständig neue Ziele setzen.

Wir brauchen belastbare Umsetzungsschritte. Ich stelle mir vor, dass die künftigen Klimakonferenzen so ablaufen: Kleinere Koalitionen kündigen konkrete Projekte an und berichten ein Jahr später über die Implementierung und über Erfolge. Solche kleinen, belastbaren Schritte in die richtige Richtung stiften aus meiner Sicht sehr viel mehr Hoffnung und Motivation als vage Absichtserklärungen.

Das Gespräch führte Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin tagesschau. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert und gekürzt.

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