Stand: 28.11.2025 14:13 Uhr
Hauskatzen könnten erst deutlich später nach Europa gelangt sein als bisher angenommen. Neue Analysen deuten darauf hin, dass ihre direkten Vorfahren erst mit den Römern aus Nordafrika kamen.
Lange galt der Nahe Osten als Wiege unserer Hauskatzen (Felis catus). Nordafrikanische Wildkatzen (Felis silvestris lybica) sollen vor 6.000 bis 7.000 Jahren mit Bauern über den östlichen Mittelmeerraum nach Zentraleuropa gelangt sein. Diese Annahme stützte sich auf Funde wie beispielsweise ein Mensch-Katze-Grab auf Zypern.
Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Science stellt diese Theorie infrage. Paläogenetiker Marco De Martino von der Universität in Rom analysierte DNA von 70 Katzen, die zwischen 9.000 vor Christus und dem 19. Jahrhundert lebten und modernen Wildkatzen. Das Ergebnis: Echte Domestikation fand in Nordafrika statt, Hauskatzen erreichten Europa erst mit den Römern.
Frühere Studien stützten sich auf mitochondriale DNA (mtDNA), also nur auf einen kleinen Teil unserer Zell-DNA. Neue, größere Kern-DNA-Analysen zeigen: Übereinstimmungen deuten nur auf alte Vermischung hin, nicht auf Domestikation.
Wildkatze oder Hauskatze – die DNA klärt auf
„Wir verglichen erstmals uralte Haustierproben mit afrikanischen Wildkatzen – dank des ersten nordafrikanischen modernen Genoms“, sagt De Martino. Frühe europäische und türkische Katzen (vor 200 v. Chr.) waren demnach genetisch europäische Wildkatzen. Und das wiederum ist nicht die Katzenart, aus der unsere heutige Hauskatze wurde.
Die Europäische Wildkatze (Felis silvestris) ist eher stämmig mit buschigem Schwanz und distanziertem Charakter. Sie lebte oft in Siedlungsnähe als Nutznießer und wurde gezähmt: Sie jagten etwa Mäuse bei Kornlagern, ohne voll domestiziert zu werden. Vermutlich konnte sie jedoch für Menschen eine ähnliche Rolle einnehmen wie eine voll domestizierte Hauskatze.
Archäologische Funde zeigen Gräber mit Wildkatzen, doch genetisch blieben sie eigenständig und beeinflussten die moderne Hauskatzenlinie nicht nachhaltig.
Die Nordafrikanische Wildkatze (Felis silvestris lybica) hingegen ist schlank, langbeinig mit sandfarbenem Fell und anpassungsfähiger bzw. -williger an den Menschen. Vermutlich ist sie auf auf ägyptischen Malereien zu sehen, sie wurde von Menschen nachhaltig domestiziert und gilt als die genetische Stammmutter aller modernen Hauskatzen.
Domestikation versus Zähmung
Domestikation geht über Zähmung hinaus. Sie umfasst genetische Anpassungen über Generationen, wie Verhaltensänderungen, etwa einen reduzierten Fluchtinstinkt.
Bei Katzen war das ein langsamer Prozess – anders als bei Hunden, die aktiv gezüchtet wurden. Die Studie zeigt: Wahre Hauskatzen entstanden erst durch selektive Mensch-Katze-Interaktionen in Nordafrika. Wo genau, das wollen die Forschenden in weiteren Analysen herausfinden. Doch Bilder an Pharaonen-Gräbern geben deutliche Hinweise. „Katzen saßen auf Frauenschößen, unter Stühlen. Wir möchten diese Hinweise genetisch untermauern“, sagt Ottoni.
Mäusejagd auf römischen Schiffen
Die genetischen Spuren der echten domestizierten Hauskatzen tauchten in Europa und der Türkei erst nach dem 2. Jahrhundert v. Chr. auf. Die Forschenden vermuten, dass sie ihren Weg als Mäusejäger auf römischen Schiffen fanden.
Nordafrika, insbesondere Ägypten, war die Kornkammer des Römischen Reichs, und die Legionen waren auf gesunde Getreidevorräte angewiesen. Die Katzen könnten als Schädlingsbekämpfer gedient haben und wurden möglicherweise entlang der römischen Handels- und Militärrouten schnell in ganz Europa verbreitet.
Die älteste in der Studie untersuchte und in Zentraleuropa gefundene Hauskatze stammt aus Österreich und wurde auf die Zeit zwischen 50 v. Chr. und 80 n. Chr. datiert. Die rasante Verbreitung deutet darauf hin, dass die Hauskatzen innerhalb eines Jahrhunderts in ganz Europa präsent waren.
Sardische Katzen als Ausnahme
Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden sardische Katzen: Genetisch sind sie nahe an Wildkatzen, nur mit minimaler Domestikationsspur. Die Insel Sardinien isolierte Populationen und verhinderte so eine Vermischung mit Hauskatzen.
Menschen und Katzen lebten schon lange zusammen
Auch wenn die Studie den Zeitpunkt der echten Hauskatzen in Europa zeitlich deutlich nach hinten verschiebt, belegen archäologische Funde, dass Menschen schon lange davor Katzen gehalten haben.
Der Biogeologe Hervé Bocherens von der Universität Tübingen merkt an: „Auch, wenn sie genetisch nicht die direkten Vorfahren unserer heutigen Hauskatzen waren, hätten gezähmte Wildkatzen schon vor 7.000 Jahren die Rolle von Hauskatzen gespielt, etwa als Schädlingsbekämpfer und beispielsweise gemeinsame Bestattungen weisen auf eine starke emotionale Verbindung hin.“
Dennoch ist klar: Unser moderner Stubentiger ist genetisch betrachtet ein Nachfahre der nordafrikanischen Jäger, die höchstwahrscheinlich erst in römischer Zeit ihre erfolgreiche Eroberung des europäischen Kontinents antraten.








