Früheres AKW in Brandenburg Der lange und teure Rückbau in Rheinsberg
Stand: 27.11.2025 09:25 Uhr
Seit 30 Jahren bauen Beschäftigte im brandenburgischen Rheinsberg das erste Kernkraftwerk der DDR zurück. Der Rückbau soll bereits 850 Millionen Euro gekostet haben – und dürfte weitere 20 Jahre dauern.
Am Tor zum Kernkraftwerk Rheinsberg im Kreis Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg prangen eine Friedenstaube und ein Atomsymbol. Sie erinnern an ein strahlendes DDR-Erbe, das heutige Generationen seit Jahrzehnten beschäftigt. Bereits seit dreißig Jahren bauen Beschäftigte eines bundeseigenen Unternehmens im Wald nahe der Mecklenburgischen Seenplatte die radioaktiven Relikte des Atomzeitalters seit 30 Jahren ab.
Damit verschwindet das erste Atomkraftwerk des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates, das das SED-Regime stolz auf dem damaligen Zehn-Mark-Schein verewigen ließ. Offiziell hatte das erste wirtschaftlich genutzte Kernkraftwerk auf deutschem Boden am 9. Mai 1966 seinen Betrieb aufgenommen. Neun Jahre vorher hatten DDR-Bürger mit dem Bau begonnen – unterstützt von der Sowjetunion.
Das AKW wurde 1966 in Betrieb genommen.
„Komplexer, aufwändiger Prozess“
„Damals in den 1960er Jahren war man noch nicht so weit, dass man von hinten gedacht hat, wie man später auch die Anlage zurückbauen kann“, sagt der kaufmännische Geschäftsführer des Entsorgungswerks für Nuklearanlagen (EWN), Markus Lindner. Er verantwortet die Arbeiten. „Das ist ein sehr komplexer, aufwändiger Prozess.“ Allein 70.000 Tonnen Beton müssten die Beschäftigten auf Radioaktivität untersuchen – überwacht von der Atomaufsicht und durch Strahlenschützer, erklärt Lindner. Einige Gebäude des Kernkraftwerkes ragten früher bis zu neun Meter tief in die Erde.
Der Abriss des alten Atommeilers ist so riskant, dass das SPD-geführte Brandenburger Umweltministerium im Dezember des vergangenen Jahres verboten hatte, Proben aus radioaktivem Schlamm zu nehmen. Die ihm untergeordnete Atomaufsicht verlangte, dass dafür Nachweise zum Arbeitsschutz vorgelegt werden.
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg stoppte aber Mitte Oktober die atomrechtliche Anordnung. Das Gericht bemängelte Fehler im Bescheid der Behörde. Das Brandenburger Umweltministerium prüft momentan nach Angaben eines Sprechers, ob es wegen des Urteils vor das Bundesverwaltungsgericht ziehen wird.
Abfälle lagern jetzt in Mecklenburg-Vorpommern
Umstritten ist also, wie gefährlich der Rückbau noch ist. „Das Gefahrenpotential eines Kernkraftwerkes für die Bevölkerung nimmt insbesondere durch den Abtransport der Brennelemente aus dem Brennelementlagerbecken und der besonders stark kontaminierten oder aktivierten Bauteile während der Stilllegung sukzessive ab“, erklärt ein Sprecher des Bundesumweltministeriums.
In Rheinsberg hat der Rückbau 1995 begonnen – fünf Jahre, nachdem das Kernkraftwerk abgeschaltet worden war. 2001 transportierten Castoren die letzten Brennelemente von dort in ein Zwischenlager nach Mecklenburg-Vorpommern. Der mehr als elf Meter hohe und mehr als 100 Tonnen schwere Reaktordruckbehälter folgte 2007.
EWN-Sprecher Kurt Radloff betont, dass mittlerweile sämtliche hochradioaktiven Abfälle aus Brandenburg im Zwischenlager in Lubmin seien: „Alle sonstigen radioaktiven Abfälle, die beim Rückbau anfallen, sind schwach- oder mittelradioaktiv.“
Umweltministerium: Atommüll vor Drohnen gesichert
Diese radioaktiv strahlenden Stoffe verstauen die Arbeiter in Rheinsberg vor dem Transport nach Lubmin unter anderem in gelben Fässern. Die Sicherheit des Atommülls kontrollierten die zuständigen Behörden regelmäßig – auch zum Schutz vor terroristischen Angriffen oder Sabotageakten zum Beispiel mit Sprengstoffen, Waffen und Drohnen, erklärt der Sprecher des Bundesumweltministeriums. „Insgesamt ist aktuell der von Ihnen angesprochene ‚Atommüll‘ ausreichend vor Drohnen gesichert.“
Kernbrennstoffe sollten ursprünglich maximal vierzig Jahre in Castorbehältern aufbewahrt werden. So lange gilt die Genehmigung. „In über dreißig Jahren Zwischenlagerbetrieb wurden keine sicherheitsrelevanten Alterungseffekte an den Behältern festgestellt“, ergänzt der Sprecher. Forschende hätten bestätigt, dass das Inventar in den Behältern auch deutlich länger als 40 Jahre sicher aufbewahrt werden könne.
Das Bundesumweltministerium überwacht den Atommüll aus Rheinsberg.
Milliardenkosten für Rückbau
In Brandenburg schätzt der EWN-Geschäftsführer, dass es noch bis Mitte der 2040er Jahre dauern werde, das Kernkraftwerk dort komplett zu entsorgen. Und das wird teuer: Laut seiner Schätzung wird der gesamte Rückbau mindestens 1,5 Milliarden Euro kosten. 130 Menschen arbeiteten momentan daran mit, erzählt Markus Lindner. Personal und Budget seien problematisch, meint der Chef des bundeseigenen Unternehmens. Früher hätten in dem Kernkraftwerk bis zu 650 Menschen gearbeitet. Während der Corona-Pandemie sei der Haushalt aber angespannt gewesen.
„Wir mussten 20 Leiharbeiter nach Hause schicken“, sagt der Chef. Jetzt sei es schwierig, Nachwuchs zu finden. Lindner warnt auch vor technischen Herausforderungen: „Wir wissen nicht, was uns erwartet beim Rückbau.“ Deswegen müssten seine Beschäftigten nach neuen Messwerten für die Radioaktivität die bestehenden Pläne immer wieder anpassen. Die Geschichte des Atomkraftwerks in Rheinsberg dürfte also noch lange nicht abgeschlossen sein.








