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Stand: 29.11.2025 06:00 Uhr
Kurz vor der Gründungsveranstaltung der „Generation Deutschland“ gibt sich das Rechtsaußenlager der neuen AfD-Jugendorganisation selbstbewusst. Zur Versammlung in Gießen wollen laut WDR und NDR auch Symbolfiguren der rechtsextremen Szene kommen.
Von Helene Fröhmcke, Katja Riedel, WDR, und Sebastian Pittelkow, NDR
Der Mann, von dem in Gießen eine große Symbolkraft ausgeht, ist weder AfD-Mitglied noch ist er jünger als 36 Jahre. Die Grundvoraussetzungen, um Mitglied in der neuen Jugendorganisation der AfD werden zu können, erfüllt Götz Kubitschek demnach nicht.
Kubitschek, der als Chefideologe der neuen Rechten gilt, war seit Gründung immer besonders nah an der AfD-Jugend. Er dürfte eine der Figuren in der Gießener Hessenhalle sein, deren Einladung am stärksten zeigt, wie die neue offenbar an die Geschichte der alten AfD-Jugend anknüpfen möchte.
Immer wieder hatte es Skandale um die frühere JA gegeben. Und immer wieder hatte sich die Mutterpartei von ihrer eigenen Jugend distanziert, ihr mit Auflösung gedroht. Disziplinieren ließ sie sich als unabhängiger Verein nicht.
Mehr Zugriff auf die Parteijugend?
Die AfD selbst hatte sich noch in diesem Januar viel erhofft. Aus einem bisher selbständigen Verein sollte eine echte Unterorganisation der Partei werden: Die AfD wollte mehr Zugriff auf Inhalte, Personal und Netzwerke ihrer Parteijugend. Diese sollte in den Aussagen gemäßigter sein und weniger Kontakte ins rechtsextreme Vorfeld hegen. Doch vieles deutet darauf hin, dass die Jugend sich ganz anders entwickeln könnte.
Zahlreiche Vertreter dieses Vorfeldes, an der Spitze der Verleger Kubitschek, stehen nun nach Recherchen von WDR und NDR auf der Gästeliste für den Gründungskongress. Kubitschek will dort auf Einladung die Bücher seines Verlages Antaios und die Zeitschrift Sezession präsentieren, bestätigt dieser.
Seine Verlage und seine Kaderschmiede in Schnellroda werden vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Wie nah Kubitschek der neuen AfD-Jugend künftig stehen wolle? Nicht ohne Grund sei das Angebot, das von ihm verantwortete Projekte machten, interessant und bekannt in dem Milieu, in dem sich auch die Jugendorganisation der AfD bewege, antwortet Kubitschek vieldeutig.
Nicht der einzige Gast mit Symbolkraft
Kubitschek ist nach Informationen von WDR und NDR nicht der einzige Gast, von dessen Anwesenheit eine hohe Symbolkraft für das Rechtsaußenlager in der AfD ausgehen dürfte: Ein weiterer ist Matthias Helferich, der sich selbst einmal als „freundliches Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnet hatte, was er nach eigenen Aussagen nur ironisch in einem Privatgespräch gemeint und was sich auf Fremdzuschreibungen von Linken bezogen habe.
Das Landesschiedsgericht der AfD in Nordrhein-Westfalen hatte Helferich vor einigen Monaten wegen anderer Vorwürfe aus der Partei ausgeschlossen, wogegen er juristisch vorgeht. Der Bundestagsabgeordnete gilt laut Verfassungsschutz als eine der zentralen Figuren der alten, seit 2024 als rechtsextrem eingestuften JA. Die Einladung an Helferich war offenbar umstritten: So hatte sich nicht sein eigener Landesverband, sondern der Verband aus Thüringen für den Einlass Helferichs per Sondergenehmigung stark gemacht.
Helferich soll sich zuletzt dafür eingesetzt haben, dass möglichst viele Personen und Inhalte der alten JA nun auch in der neuen Struktur erhalten bleiben. Auf Anfrage teilte er mit, sich sehr über die Spitzenkandidatur Jean-Pascal Hohms zu freuen, der ohne Gegenkandidat erster Chef der „Generation Deutschland“ werden soll. Hohms wird vom Landesverfassungsschutz Brandenburg als Rechtsextremist eingestuft.
Kampf um Stellvertreterposten
Auch einer von Helferichs langjährigen engen Vertrauten, Patrick Heinz, kandidiert in Gießen für einen der begehrten Stellvertreterposten und tritt damit gegen Manuel Linnemann an. Der soll ein Mann des gemäßigteren Lagers um den NRW-Landeschef Martin Vincentz sein, was er allerdings bestreitet. Er gehöre keinem der Lager an, sei „eher neutral“. Lagerkämpfe innerhalb der Partei würden niemandem helfen.
Sein Konkurrent Heinz gibt sich jedenfalls schon jetzt siegesgewiss: „Ich hatte im vergangenen Jahr die Sorge, dass eine neue Jugendorganisation zu vorsichtig wird“, sagt er. Bis zur Auflösung der JA war Heinz deren Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen.
Er habe zunächst gefürchtet, zu einer Art „Kettenhund“ derer zu werden, denen die alte JA zu radikal gewesen sei und habe gegen die Auflösung gekämpft. Offenbar verfolgt das Helferich-Lager jetzt eine andere Strategie: Nun könne die Jugend Impulse setzen, die von der ganzen Partei aufgegriffen wird.
Keine inhaltlichen Änderungen?
Könnte die enger angebundene Jugend in Zukunft die Mutterpartei weiter radikalisieren? Inhaltlich werde sich in der neuen Jugendorganisation nichts ändern, gemäßigter werde sie nicht sein, glaubt Heinz. Er betont: „Jetzt kann sich die AfD nicht mehr von uns distanzieren, weil wir nicht mehr ein Verein sind, sondern fester Bestandteil der AfD.“
Auch hinter den Kulissen sollen zahlreiche ehemalige Funktionäre der Vorgängerorganisation nach Recherchen von WDR und NDR über Monate erfolgreich daran mitgearbeitet haben, dass sich möglichst wenig am ehemals radikalen Inhalt ändern solle. Offiziell vom Bundesvorstand beauftragt waren zwei ehemalige JA-Chefs, Dennis Hohloch und Hannes Gnauck, der zuletzt an der JA-Spitze gestanden hatten.
„Konsensliste“ für die Vorstandsämter
Schon damals hielten es Kritiker für problematisch, dass die JA sich dadurch nahezu selbst auflösen und umstrukturieren sollte und fürchteten Beharrungskräfte. Gnauck und Hohloch waren offenbar nicht die einzigen JA-Kader, die daran mitarbeiteten. Herausgekommen ist eine „Konsensliste“ für die Vorstandsämter. WDR und NDR liegt sie vor. Die etwa 1.900 Delegierten sollen sie am Wochenende „durchwählen“.
Auf dem Tableau der Kandidierenden finden sich viele ehemalige JA-Funktionäre. Einige dieser Personalien sollen auch mit mehreren ehemaligen Bundesvorsitzenden der früheren JA abgesprochen worden sein, ist zu hören: Mit Männern wie Markus Frohnmaier, ehemals JA-Vorsitzender. Mit Damian Lohr aus Rheinland-Pfalz, der ihm an der JA-Spitze nachfolgte, und mit Sven Tritschler aus Nordrhein-Westfalen, der ebenfalls Bundesvorsitzender der JA war.
Tritschler sagte auf Anfrage, er sei verschiedentlich zu seiner Meinung befragt worden, habe auch einen Kandidaten empfohlen und begrüße Hohms Kandidatur für die Spitze. Frohnmaier und Lohr äußerten sich nicht.
Kaum Distanz zur Identitären Bewegung
So bleibt alte Nähe offenbar bestehen. Dem Parteivorstand war es zum Zeitpunkt der Auflösung etwa um Kontakte wie die zur Identitären Bewegung (IB) gegangen, die auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD steht. Zu dieser hatte es zuletzt laut Verfassungsschutz immer wieder Schnittmengen mit der JA gegeben.
Wenn man mit denjenigen spricht, die den Vorstand der neuen Jugendorganisation bilden sollen, ist jedoch kaum Distanz zur IB zu vernehmen. Der designierte Vorsitzende Hohm sagt auf die IB angesprochen: „Wir halten es für wichtig, dass es Vorfeldorganisationen gibt, gerade auch um Debatten anzustoßen. Und deswegen werden wir uns davon auch nicht abgrenzen.“ Dass IB-Mitglieder Funktionäre in der „Generation Deutschland“ würden, schließt er hingegen aus.
Auch weitere künftige Vorstände der „Generation Deutschland“ zeigen sich offen: „Die Identitäre Bewegung ist wie die AfD ein Teil der Mosaikrechten. Ich stehe in keinem Kontakt zu Mitgliedern der ‚IB‘, begrüße aber prinzipiell ihren kreativen, friedlichen Protest“, sagt etwa Cedric Krippner aus Köln, der vom Helferich-Lager für seine Kandidatur als Beisitzer unterstützt wird.
Lennard Scharpe aus Sachsen, designierter Finanzbeauftragter, sagt: „Ich halte es für wichtig, sich mit relevanten Akteuren des politischen Vorfelds der AfD auszutauschen. Zu diesem Vorfeld gehört neben vielen anderen Akteuren die Identitäre Bewegung“.
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