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Die Schweiz stimmt ab: Reiche Erben belasten – für den Klimaschutz?

Suedpole. by Suedpole.
05:33:38 30. November 2025
in Nachrichten
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Die Schweiz stimmt ab: Reiche Erben belasten – für den Klimaschutz?

Passanten gehen eine Straße in Zürich entlang.

Volksabstimmungen in der Schweiz Reiche Erben belasten – für den Klimaschutz?

Stand: 30.11.2025 05:03 Uhr

Die Debatten in der Schweiz sind hitzig: Sollen Erbschaften ab 50 Millionen künftig mit 50 Prozent besteuert werden? Und wie wäre eine Bürgerdienstpflicht für alle? Heute stimmt die Bevölkerung ab.

Kathrin Hondl

Die Koffer habe er noch nicht gepackt, sagt der Unternehmer Peter Spuhler im Schweizer Fernsehen. Aber für ihn und seine Angehörigen sei klar: „Bei dieser Initiative geht es um die Grundwerte der Schweiz.“

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Spuhler, Verwaltungsratspräsident und Großaktionär des Zugbauer-Konzerns Stadler Rail, spricht von der Initiative der Jungsozialisten, über die die Schweizer Bevölkerung an diesem Sonntag abstimmt. Die linke Jugendpartei JUSO fordert die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer auf Vermögen von mehr als 50 Millionen Schweizer Franken. Was über diesen Freibetrag hinausgeht, soll mit einem Satz von 50 Prozent versteuert werden.

Stadler-Chef Spuhler ist einer von mehreren Schweizer Unternehmern, die gedroht haben, das Land zu verlassen. „Weggejagt“ würden sie, sagt Spuhler, sollte die Initiative der jungen Linken bei der Volksabstimmung Erfolg haben.

„Superreiche“ sollen Klimaschutz bezahlen

„Die Ultra-Reichen erben Milliarden, wir erben Krisen“ steht auf den Abstimmungsplakaten. Den Jusos geht es nicht nur um mehr Geld für die Staatskasse. Die Einnahmen aus der Erbschaftssteuer für Superrreiche sollen in den Klimaschutz investiert werden.

„Es geht um das Verursacherprinzip“, sagt Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann. Denn die „Superreichen“ seien für einen Großteil der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich.

Für ihr Erbschaftssteuerprojekt haben die Jusos unter anderem am Genfer Privatjet-Flughafen geworben – mit knackigen Megafon-Parolen der Parteipräsidentin: „Privatjets fliegen ist ein Privileg einer sehr kleinen Gruppe Superreichen. Damit sie ein Glas Champagner in der Höhe von 10.000 Metern trinken können, bezahlen wir mit unserer Zukunft.“

Auf dem Stimmzettel für den Volksentscheid lautet der offizielle Titel der Initiative „Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft)“.

Mehreinnahmen oder Minusgeschäft?

Die Schweiz hat gemessen an der Bevölkerung die höchste Milliardärsdichte der Welt. Nach Schätzungen leben im Land rund 2.500 Personen mit einem Vermögen von mehr als 50 Millionen Franken. Es ist also eine Minderheit, die von der hohen Erbschaftssteuer direkt betroffen wäre.

Die jungen Linken kalkulieren mit Steuereinnahmen von rund sechs Milliarden Franken. Aber sowohl ihre politischen Gegner als auch Fachleute warnen vor einem Minusgeschäft, wenn die Schweiz ihre traditionelle Anziehungskraft für Schwerreiche aus aller Welt verlieren würde.

„Die beste Milchkuh im Stall, der muss man schon ein bisschen Sorge tragen, sonst findet diese beste Milchkuh auch Futter auf einer anderen Weide“, argumentierte Martin Hübscher von der rechtskonservativen Schweizer Volkspartei (SVP) im Nationalrat, der Großen Kammer des Schweizer Parlaments.

„Vernünftig“ und doch „abschreckend“?

Auch Marius Brülhart, Wirtschaftsprofessor an der Universität Lausanne, hält es für wahrscheinlich, dass eine hohe Erbschaftssteuer nicht nur vermögende Schweizer zum Wegzug motivieren, sondern auch „vermögende ausländische Steuerzahler“ abschrecken würde. Und das, so der Wirtschaftswissenschaftler, „wäre aus der reinen nationalen Schweizer Perspektive finanziell gesehen nicht wünschenswert“.

Dabei hält Ökonom Brülhart Erbschaftssteuererhöhungen grundsätzlich für eine gute Idee. „Das ist eine sehr vernünftige, auch eine gerechte und eine effiziente Steuer“, sagt er.

100 Milliarden Franken werden 2025 vererbt

Erbschaften und Schenkungen seien in den vergangenen 30 Jahren in der Schweiz doppelt so schnell gewachsen wie die Einkommen. Allein in diesem Jahr gehe es um eine Summe von 100 Milliarden Franken, so Brülhart.

Die Erbschaftssteuerbelastung aber sei in den vergangenen 30 Jahren um zwei Drittel reduziert worden. Beim aktuell hohen Finanzierungsbedarf etwa für Sicherheit, sagt er, „wäre eine moderate Erhöhung der Erbschaftssteuer sehr sinnvoll“.

Den vorgeschlagenen Steuersatz der Jusos aber hält der Wirtschaftswissenschaftler für zu hoch – und bedauert, dass die Schweizer Erbschaftssteuer-Debatte nach der Volksabstimmung wohl wieder vom Tisch sein wird. Laut Umfragen könnte die Initiative mit rund 70 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt werden.

Bürgerdienst für alle

Als chancenlos gilt den Umfragen nach auch die zweite Volksinitiative, über die die Schweizer Bevölkerung an diesem Sonntag landesweit abstimmt, die „Service-Citoyen-Initiative“. Alle Schweizerinnen und Schweizer sollen künftig einen Bürgerdienst leisten, so der Vorschlag unter dem Motto „Für eine engagierte Schweiz“.

„Wir möchten die Sicherheit und den Zusammenhalt der Schweiz nachhaltig stärken“, sagt Noémie Roten, eine junge Frau aus Solothurn, die die Initiative entscheidend vorangebracht hat.

Ihre Idee: Alle, nicht nur Männer, sondern auch Frauen, sollten künftig einen bezahlten Dienst für ihr Land leisten, sei es im Militär, im Zivilschutz oder im Zivildienst – zugunsten der „Allgemeinheit und der Umwelt“, wie es im Text der Initiative heißt.

Ob Zivildienst oder Armee – eine Schweizer Initiative wirbt für einen verpflichtenden Bürgerdienst für alle.

Geschlechtergerechtigkeit und traditionelle Rollenbilder

Noémie Roten, die selbst Militärdienst geleistet hat, geht es auch um Geschlechtergerechtigkeit. Denn seit jeher gilt für den männlichen Teil der Schweizer Bevölkerung eine Dienstpflicht. Frauen haben seit 1995 die Möglichkeit zum freiwilligen Dienst in der Armee. Und voraussichtlich wird sich daran auch nach der Volksabstimmung am Sonntag nichts ändern.

Die „Service-Citoyen-Initiative“ wird in der Schweizer Politik von einer ungewöhnlich breiten Allianz von der Sozialdemokratischen Partei bis zur rechten SVP abgelehnt. Das Hauptargument der Gegner: Die Frauen in der Schweiz seien durch unbezahlte Erziehungs- und Care-Arbeit bereits „genug gestraft“ und sollten nicht auch noch dem Land dienen müssen.

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