Hamas-Geisel über Gefangenschaft „Ich werde diesen Leuten nie vergeben können“
Stand: 02.01.2026 07:19 Uhr
Mehr als zwei Jahre lang war Guy Gilboa-Dalal als Geisel in den Händen der Terrororganisation Hamas. Er ist einer der wenigen, die offen über das sprechen, was sie in Gefangenschaft erlebt haben.
Guy Gilboa-Dalal steht im Garten seiner Eltern. In der einen Hand eine brennende Zigarette, in der anderen sein Smartphone. Frustriert tippt er darauf herum. Der 24-Jährige hat eine neue Telefonnummer, deshalb ist sein Instagram-Account gesperrt. Das nervt ihn, denn mit vielen Freunden kann er deshalb gerade nicht kommunizieren.
Er erzählt, wie wichtig es ihm ist, dass er schnell wieder einen Zugang zu seinem Social-Media-Profil bekommt. „Zwei Jahre lang hatte ich keinen Kontakt zu meinen Freunden, ich will einfach in der Lage sein, jetzt mit ihnen zu kommunizieren.“
Täglich Albträume
Gilboa-Dalal ist erst seit wenigen Tagen zurück aus den USA. Im Wohnzimmer der Wohnung seiner Eltern stehen mehrere Koffer, die noch ausgepackt werden müssen. Seit seiner Freilassung im vergangenen Oktober ist er eigentlich ständig unterwegs. Er hat Urlaub mit seinen Eltern und Geschwistern gemacht, US-Präsident Donald Trump getroffen und jüdische Gemeinden in den USA besucht.
Er vermeide ruhige Momente, erzählt Gilboa-Dalal, denn dann würden ihn die Erinnerungen aus seiner Zeit im Gazastreifen einholen. Vor allem die Nächte machten ihm zu schaffen. „Ich wache zwei bis drei Mal pro Nacht auf, weil ich Albträume habe. Wenn meine Eltern oder Freunde nicht bei mir sind, fühle ich mich verloren.“
Ein Buch im Kopf geschrieben
Am 7. Oktober 2023 haben Terroristen Gilboa-Dalal vom Nova-Festival verschleppt. „Um 6 Uhr morgens war ich so glücklich wie lange nicht. Innerhalb von drei Stunden habe ich dann meine Freiheit verloren und zwei meiner besten Freunde. Sie wurden von der Hamas erschossen. Das habe ich aber erst später erfahren.“
In den ersten Monaten wird Gilboa-Dalal in mehreren Wohnungen im Gazastreifen gefangen gehalten. Die meiste Zeit musste er allerdings in einem 80 Zentimeter breiten und zehn Meter langen Tunnel ausharren. Oft in völliger Dunkelheit. Anfangs zusammen mit drei anderen Geiseln. Ihre Toilette war ein Loch im Boden, direkt neben ihren Matratzen. „Es gibt keinen Ort auf der Welt, der so schrecklich ist wie dieser Tunnel“, sagt er. „Diese Enge, und es hat furchtbar gestunken. Anfangs dachte ich, dass ich das nicht aushalten kann. Dazu kam der permanente Hunger.“
Phasenweise sei er so geschwächt gewesen, dass er sich nicht mal mehr mit den anderen Geiseln unterhalten konnte. Er habe sehr viel nachgedacht über sein Leben. „Ich glaube, es gibt keinen Gedanken, keine Situation, über die ich nicht nachgedacht habe.“ In seinen schlimmsten Phasen, so berichtet der 24-Jährige, habe er ein Buch geschrieben. Im Kopf.
Reden als eine Art Therapie
Die meisten ehemaligen Geiseln der Terrororganisation Hamas wollen nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen, was sie erlebt haben. Nicht so Gilboa-Dalal. Er bezeichnet das Interview als eine Art Therapie, dadurch lasse der Druck etwas nach. Er spricht nicht nur über den Psychoterror und die Gewalt seiner Aufpasser. Er berichtet auch detailliert, wie er von einem Terroristen der Hamas sexuell missbraucht wurde. „Ich wollte einfach nur, dass es aufhört. Ich war in einer Schockstarre und hatte solche Angst. Als er fertig war, hat er mich verprügelt und mir gedroht. Sollte ich je darüber sprechen, würde er mich töten.“
Nachdem er von dem Missbrauch erzählt hat, bittet Gilboa-Dalal um eine kurze Interview-Pause. Wieder steht er im Garten und raucht. Er ist da, wo er sich zwei Jahre lang hin gesehnt hat: zuhause bei seiner Familie. Wirklich frei ist er dennoch nicht. Es sind die Erinnerungen, die ihm zu schaffen machen. Seine Eltern, Geschwister, Therapeuten und Ärzte helfen ihm dabei, das Erlebte zu verarbeiten.
„Vor mir liegt ein langer Weg“, sagt er. „Ich werde diesen Leuten nie vergeben können. Sie haben so viele Menschen brutal getötet, und wie sie uns behandelt haben, das war unmenschlich. Das kann man nicht vergeben.“








