Stand: 01.01.2026 13:38 Uhr
Mit dem finnischen Oulu ist 2026 die nördlichste Großstadt der EU Europäische Kulturhauptstadt. Auf dem Programm stehen samische Kultur, Techno auf dem Eismeer – und Schreien gegen die Stille.
Ungefähr 40 Männer stehen im Halbkreis und schreien aus voller Kehle, viele mit hochrotem Kopf. Sie üben gerade für ihren Auftritt beim Eröffnungskonzert zur Europäischen Kulturhauptstadt 2026: die „schreienden Männer“ aus dem finnischen Oulu.
Chorleiter Petri Sirviö erklärt, es gehe nicht darum, zu schreien, statt zu singen, sondern darum, zu schreien, statt still zu sein: „Im echten Leben sind diese Jungs hier eher ruhig, aber sie haben vielleicht etwas in sich, das raus muss.“
1987 hat Sirviö den Männerchor in Oulu zusammen mit ein paar anderen gegründet, aus einer fixen Idee in der Kneipe heraus. Inzwischen haben die schreienden Männer es zu einiger Berühmtheit gebracht.
„Wir waren recht aktiv und haben viele Konzerte im Ausland gespielt. Überall, von Rockclubs über Konzerthäuser und Opernbühnen. Aber jetzt laden wir unsere Freunde aus dem Ausland nach Oulu ein und machen hier Dinge zusammen“, freut sich Sirviö.
Die schreienden Männer von Oulu hätten vielleicht etwas, das raus muss, sagt Chorleiter Petri Sirviö.
Oulus „Ganzjahres-Fahrradkultur“
Die Stadt an der finnischen Westküste ist 2026 neben Trencin in der Slowakei eine von zwei Kulturhauptstädten Europas. Oulus Charme erschließt sich eher auf den zweiten Blick. Im Zentrum gibt es viele eher langweilige Gebäude aus den 1950er- und 1960er-Jahren, aber auch: eine Domkirche, eine alte Markthalle, viel Wasser und eine vorgelagerte Insel mit dem Stadttheater und einer Bibliothek aus Beton und Glas.
220.000 Menschen leben hier, in der nördlichsten Großstadt der Europäischen Union – und auch jetzt im Winter bei Schnee und Eis fahren sie sehr viel Fahrrad. In Oulu gebe es eine ausgeprägte Fahrradkultur, sagt Verkehrsplaner Harri Vaarala. „Genauer gesagt: eine Ganzjahres-Fahrradkultur.“
Es sei das Ergebnis jahrzehntelanger Planung und des Aufbaus eines entsprechenden Radwegenetzes durch die Stadt. „Das ist wichtig, denn die Stadt schafft die Rahmenbedingungen – vor allem jetzt im Winter, indem sie dafür sorgt, dass der Winterdienst vernünftig funktioniert.“
Etwa 950 Kilometer Radweg gibt es in Oulu, darunter mehrere etwa sechs Meter breite „Superhighways“. „Das besondere hier in Oulu ist, dass die meisten Radwege komplett vom Autoverkehr getrennt sind. Sie führen durch Parks, Wälder und Grünanlagen – eine sehr ruhige Umgebung, die das Radfahren besonders angenehm macht“, sagt Vaarala.
Fast tausend Kilometer Radweg gibt es in der nördlichsten Großstadt der EU. Genutzt werden die auch im Winter.
Samische Kultur im Fokus
Im Kulturhauptstadtjahr könne man sich in Oulu nicht nur aufs Radfahren freuen, sondern auch auf insgesamt 3.000 kleine und große Veranstaltungen, sagt Samu Forsblom, Programmdirektor von Oulu 2026. Geplant ist zum Beispiel ein Techno-Festival auf dem gefrorenen Meer, ein Essen an einem kilometerlangen Gemeinschaftstisch und eine Sami-Oper.
„Zu Beginn des Jahres stehen arktische und nordische Themen im Vordergrund und auch die Kultur der Sami. Sie sind das einzige indigene Volk auf dem Gebiet der Europäischen Union.“ Das samische Programm war ein wichtiger Teil der Bewerbung für die Kulturhauptstadt.
Eines der Highlights: Die Ausstellung mit den Werken von mehr als 50 samischen Künstlerinnen und Künstlern, die Mitte Januar im Kunstmuseum eröffnet wird. „Das Motto von Oulu2026 ist ‚Kultureller Klimawandel'“, sagt Koordinatorin Aino Valovirta. Es solle das Bewusstsein für die samische Kultur stärken und die Arbeitsmöglichkeiten für samische Künstler verbessern.
In Oulu hofft man darauf, als Reiseziel bekannter zu werden.
„Ein Ort, den Menschen noch nicht entdeckt haben“
Auch Programmdirektor Samu Forsblom hofft, dass Oulu langfristig vom Kulturhauptstadt-Titel profitiert. „Ich glaube, das hier ist ein Ort, den Menschen noch nicht entdeckt haben. Wir haben den Zauber des Nordens. Und gleichzeitig sind wir eine Großstadt. Ich hoffe, dass wir in Zukunft ein Reiseziel für Menschen aus der ganzen Welt werden.“
Die „Mieskuoro Huutajat“, die schreienden Männer, kann man in Oulu 2026 bei mehreren Konzerten erleben. Sie freuten sich drauf, sagt Schreier Tuomo Heikinnen. Er sei voller Adrenalin. „Denn wenn man eine Stunde lang schreit, ist man voller Energie, und das Gefühl nach dem Auftritt ist großartig.“
Nicht nur für ein Konzert des kuriosen Chors lohnt sich ein Besuch im Nordwesten Finnlands. Wer nach 2026 nach Oulu kommt, erlebt eine ausgesprochen vielseitige Kulturhauptstadt – und vor allem sympathische Menschen.








