interview
Stand: 26.11.2025 18:55 Uhr
In Herne sind Beschäftigte rund 31 Tage pro Jahr krankgeschrieben – häufiger als anderswo. Dominic Geisler hat dort seine Praxis. Im Interview erklärt er die Zahlen auch mit regionalen Gegebenheiten – vor allem bei den Arbeitsbedingungen.
tagesschau.de: Eine BR-Analyse von Daten der Betriebskrankenkassen (BKK) zeigt, welche Erkrankungen den Krankenstand prägen – und in welchen Regionen sich besonders viele Menschen krankmelden. Vorne mit dabei: Herne, die Stadt in der Sie praktizieren. Dort sind Beschäftigte durchschnittlich 31 Tage pro Jahr krank. Wie spiegeln sich diese Zahlen in Ihrem Praxisalltag wieder?
Dominic Geisler: Ich bin seit Mitte dieses Jahres in Herne tätig. Meine Mutter war vorab 33 Jahre in der hiesigen Praxis tätig. Wir beide können diesen Trend bestätigen. Zuvor habe ich drei Jahre in Dortmund in einer allgemeinen medizinischen Praxis gearbeitet. Dort kann man auch schon einen Trend sehen, dass die Krankschreibungen zugenommen haben.
tagesschau.de: Dortmund liegt mit 26 Fehltagen pro Jahr wie Herne über dem deutschen Schnitt. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten haben Sie zwischen den beiden Großstädten ausmachen können?
Geisler: Tatsächlich sind die Unterschiede gar nicht so gravierend. In Dortmund habe ich in einem Brennpunktviertel gearbeitet und dort gab es dann zusätzlich noch eine sprachliche Barriere, die hinzu kam und die Leute potenziell mehr belastet hat, ebenso auch der soziale Status. In Herne ist das anders, jedoch von der Anzahl der Krankschreibungen her ist es nahezu gleich.
Zur Person
Dr. med. Dominic Geisler ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Herne, Nordrhein-Westfalen. Sein Studium absolvierte er in Hamburg und Budapest. Danach führte sein Weg als Mediziner von Dortmund nach Herne. Dort übernahm er in diesem Sommer die Arztpraxis seiner Mutter.
tagesschau.de: Zurück in Ihre jetzige Praxis. Warum fallen in Herne vergleichsweise viele Krankheitstage pro Beschäftigtem an?
Geisler: Generell fällt mir zum Standort Herne keine direkter Grund ein. Was jedoch auffallend ist, ist, dass die Impfbereitschaft in Bezug auf Grippe- und Corona-Impfungen gerade in den kalten Jahreszeiten aufgrund zunehmender Skepsis zurückgegangen ist. Dadurch entsteht ein zusätzlich erhöhtes Risiko für Infektionskrankheiten.
tagesschau.de: Die BKK-Daten zeigen auch, dass Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems wie Rückenschmerzen oder Arthrose oft Gründe für eine Krankschreibung sind. Wie haben sich die Krankheitsbilder, die Ihnen während Ihrer Sprechstunde begegnen, verändert?
Geisler: Früher sind es häufiger körperliche Erkrankungen gewesen. Da wir ja im Ruhrgebiet sind, ist Herne ein Industriestandort, wo viel körperlich gearbeitet wird. Jetzt sind es hingegen mehr und mehr psychische Erkrankungen. Das soll nicht heißen, dass die körperlichen Erkrankungen vollständig rausfallen.
tagesschau.de: Sie haben zu Beginn gesagt, dass Sie den Eindruck der BR-Analyse vor Ort bestätigen können, es kommt zu mehr Krankschreibungen. Liegt das auch an der Einführung der telefonischen Krankschreibung?
Geisler: Sicherlich mag die Hemmschwelle für einige Patienten sinken, aufgrund der telefonischen Krankschreibung. Allerdings kommt dieser Missbrauch aus hiesiger Erfahrung doch deutlich seltener vor als behauptet, insbesondere da die telefonische Krankschreibung auf fünf Tage begrenzt ist.
Generell kann man daher sagen, dass die Patienten dies verantwortungsvoll nutzen und es somit eine große Entlastung sowohl für die Patienten als auch für die Praxis ist. Potenzielle Patienten, die sonst den Praxisbesuch scheuen würden, um trotz der Belastung weiterhin arbeiten zu gehen, tun dies nun nicht mehr. Hierdurch werden weiterhin Infektionswege im Wartezimmer zusätzlich unterbrochen.
Gesundheitsvorsorge ist auch Chefsache
tagesschau.de: Welche Rolle spielen die Arbeitsbedingungen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vorfinden?
Geisler: Der Faktor des Arbeitsplatzes spielt eine enorm große Rolle. Wie bereits erwähnt, wird auch häufig von Patienten berichtet, dass sowohl der Druck seitens des Arbeitgebers als auch die körperliche Belastung in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben.
tagesschau.de: Im Kreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt sind Beschäftigte ähnlich oft krankgeschrieben wie in Herne. Der Manager eines dortigen Wellnesshotels beklagt den wirtschaftlichen Schaden durch die Krankmeldungen. Ihm zufolge ließen sich manche Mitarbeiter auch wegen eines leichten Schnupfens viel eher krankschreiben als früher. Wie schauen Sie auf solche Aussagen?
Geisler: Ich als Arzt denke natürlich als erstes an die Gesundheit meiner Patienten und Patientinnen, kann aber auch die Sicht des Managers nachvollziehen. Hierbei ist es, wie bereits erwähnt, wichtig, dass auch der Arbeitgeber auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zugeht, um potenzielle Krankheitstage gegebenenfalls reduzieren zu können, indem einfach bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden.
Das Gespräch führte Jakob Gaberle für tagesschau.de








