Nigeria Schulschließungen wegen Entführungswelle
Stand: 24.11.2025 18:12 Uhr
In Nigeria lösen Massenentführungen Entsetzen aus. Deshalb wurden nun fast 50 Internate und Colleges geschlossen. Bewaffnete Gruppen haben sich auf Kidnappings und das Erpressen von Lösegeld spezialisiert.
Von Bettina Rühl, ARD Nairobi
Vor einer Schule in Kaduna im Norden Nigerias herrscht Gedränge. Schülerinnen und Schüler strömen mit Taschen und Koffern aus dem Gebäude, suchen in der Menge nach ihren Eltern. Ibrahim Balarabe, einer der Väter, hält nach seiner Tochter Ausschau.
„Die Schulleitung hat uns gestern darüber informiert, dass wir unsere Kinder aus Sicherheitsgründen abholen sollen“, sagt Balarabe der Nachrichtenagentur Reuters. „Ich verstehe diese Entscheidung, als Eltern sind wir natürlich in größter Sorge um unsere Kinder. Andererseits ist diese Maßnahme schmerzhaft, aber was sollen wir machen?“
Mehr als 300 Schülerinnen und Schüler wurden entführt
Die nigerianische Regierung hat kurzfristig angeordnet, landesweit fast 50 Internate zu schließen. Hintergrund ist die jüngste Entführungswelle. Am vergangenen Freitag wurden aus einem katholischen Internat im Bundesstaat Niger mehr als 300 Schülerinnen und Schüler sowie zwölf Lehrkräfte verschleppt – das ist die bislang größte Massenentführung in Nigeria.
50 Schülerinnen und Schüler konnten ihren Kidnappern mittlerweile entkommen und sind wieder bei ihren Familien. Anfang vergangener Woche waren bereits 25 muslimische Schülerinnen aus einem Internat im Bundesstaat Kebbi verschleppt worden.
Der Gouverneur von Niger, Mohammed Umar Bago, sagte nach der Anordnung, die Internate zu schließen: „Diese Vorfälle hätten vermieden werden können. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Schuldzuweisungen. Wir wollen nun alles dafür tun, dass diese Kinder und alle anderen Opfer dieser Entführungen befreit werden.“ Deshalb fordere man alle Sicherheitskräfte, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und Geistlichen dazu auf, sich für die Rettung dieser Kinder einzusetzen.
Warum kann das Militär die Bevölkerung nicht schützen?
In Nigeria fragen sich viele, warum das nigerianische Militär die Bevölkerung nicht schützen kann und was die Regierung gegen die massenhaften Entführungen unternimmt. Die Zahl nimmt seit Jahren stark zu. Zuletzt wurden landesweit innerhalb eines Jahres mehr als 4.700 Fälle bekannt. Bei diesen Kidnappings wurden 670 Menschen getötet – laut Zahlen der Sicherheitsfirma SBM Intelligence Consultancy.
Effiong Ikemesit arbeitet für diese Firma. Er erklärt: „Mit den Entführungen lässt sich sehr viel Geld verdienen. Wir haben festgestellt, dass inzwischen selbst bewaffnete Gruppen, die früher noch eine Ideologie vertreten haben, in Kidnappings und dem Erpressen von Lösegeld nur noch ein Geschäft sehen.“ Den Gewinn investierten sie in noch mehr Waffen und ihren eigenen Lebensstandard.
„Täter müssen kaum Konsequenzen befürchten“
Zu den ehemals ideologisch, also religiös motivierten bewaffneten Gruppen gehört Boko Haram: Die islamistische Terrormiliz ist im Nordosten des Landes aktiv. Mitglieder von Boko Haram entführten 2014 276 Schülerinnen aus einem Internat in Chibok. Diese Massenentführung machte damals international Schlagzeilen und war in Nigeria jahrelang das größte Verbrechen dieser Art – bis zum vergangenen Freitag.
Trotz jahrelanger Investitionen in das Militär ist der Staat offensichtlich nicht willens oder in der Lage, das Geschäftsmodell der Kidnapper zu zerschlagen.
Dazu sagt Sicherheitsberater Ikemesit: „In Nigeria herrschen schon lange Gewalt und Unsicherheit. Die Täter müssen kaum Konsequenzen befürchten, also beispielsweise Haftstrafen oder andere rechtlichen Folgen. Viele von ihnen fühlen sich dadurch ermutigt, immer weiterzumachen.“ Und so beobachte man nun, wie Gewalt und Unsicherheit, die Nigeria seit mehr als einem Jahrzehnt herrschen, eskalieren.








