Populismus Warum Klimaschutz weniger dringend erscheint
Stand: 27.11.2025 05:26 Uhr
Klima- und Umweltschutz sind nicht mehr die dringendsten Anliegen der Deutschen. International bremsen Diktatoren, Autokraten und Populisten die nachhaltige Entwicklung. Trotzdem bleibt Hoffnung.
Es ist schon einige Jahre her, dass die Befragten im ARD-DeutschlandTrend Umwelt- und Klimaschutz als ihr dringendstes Anliegen nannten. 2019 sagten das noch 63 Prozent, derzeit dagegen nur 14 Prozent.
Auch international steht nachhaltige Entwicklung unter Druck, das hat gerade erst die Weltklimakonferenz in Brasilien gezeigt. „Ich hätte mir dort deutlich mehr gewünscht“, sagte Bundesumweltminister Carsten Schneider, nachdem die Öl-, Gas- und Kohlefördernden Staaten ein Ausstiegsdatum für fossile Brennstoffe verhindert hatten.
„Die populistischen und autoritären Kräfte, die den Klimaschutz als ein Hindernis für ihre geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen sehen, versuchen, echte Fortschritte in Richtung Klimaschutz zu blockieren“, sagt Nachhaltigkeitsforscherin Flurina Schneider vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main. Dazu zählt sie nicht nur Länder wie Saudi-Arabien, Russland oder China, sondern auch die USA, die unter Präsident Donald Trump gar nicht erst an der Klimakonferenz teilnahmen. Stattdessen will Trumps Regierung die Öl- und Gasförderung ankurbeln – ganz nach seinem Slogan „Drill Baby, drill.“
Fortschritte zurückdrehen
Umweltschutz und Nachhaltigkeit haben derzeit generell einen schweren Stand. Rechtspopulistische und konservative Gruppen versuchten, Fortschritte aus den vergangenen Jahren zurückzudrehen. Flurina Schneider erinnert daran, dass auch die Europäische Union schon Regelungen abgeschwächt hat, mit denen sie in den vergangenen Jahren unter anderem den Artenschutz stärken wollte.
Als Beispiele nennt sie gelockerte Sorgfaltspflichten im Lieferkettengesetz, vereinfachte Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit für Unternehmen oder die abgeschwächte EU-Düngemittelverordnung. „Gerade zuletzt wurde das EU-Lieferkettengesetz stark zurückgefahren, mit Unterstützung der Rechtsaußenparteien.“
Auch gesellschaftlich hat Nachhaltigkeit an Rückhalt verloren. Im aktuellen ARD-DeutschlandTrend rangieren Umwelt- und Klimaschutz nur noch auf Platz vier der drängendsten aktuellsten Probleme, hinter Zuwanderung, Wirtschaftskrise und sozialer Ungerechtigkeit. Wissenschaftler verweisen auf die vielen Krisen der vergangenen fünf Jahre: Corona-Pandemie, Lieferkettenprobleme, Angriffskrieg gegen die Ukraine, hohe Energiepreise und Wirtschaftskrise haben viele Menschen erschöpft.
Gefühl der Bedrohung
Viele nehmen den ökologischen Wandel nicht mehr als Chance wahr, sondern als zusätzliche Belastung. „Aber ich glaube, es ist entscheidender, wie diese Gefühle ganz gezielt in Medien und Politik befördert und ins Zentrum der Debatte gestellt worden sind. Und das ist ja nicht nur von radikal rechter Seite gemacht worden, sondern auch von konservativer Seite“, sagt Dennis Eversberg, Professor für Umweltsoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt.
Aus seiner Sicht wenden sich auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft von Umwelt- und Klimaschutz ab, weil ihnen bewusst werde, dass die nötigen Veränderungen Verzicht bedeuten könnten. Ängste, die populistische Parteien gerne aufgreifen. AfD-Co-Chefin Alice Weidel wiederholt etwa die nachweislich falsche Behauptung: „Der Nachweis, dass der Klimawandel menschengemacht ist – allein, also monokausal – der ist doch gar nicht erbracht.“
Klimaschutz als Verschwörung
Populisten unterstellen vermeintlichen „grünen Eliten“, eine Ökodiktatur errichten oder über Klimaschutz ein Umverteilungsprojekt von unten nach oben beginnen zu wollen, wie es in einem vergangenen August erschienenen Leitfaden zu Populismus und Umweltpolitik des Umweltbundesamtes heißt. „Oftmals spielen Verschwörungsideologien eine zentrale Rolle, zum Beispiel in Form der Erzählung, dass als mächtig wahrgenommene Gruppen oder Einzelpersonen einen geheimen Plan verfolgen würden, um der Gesellschaft zu schaden.“
Trotz des Gegenwindes sehen Forschende Energiewende oder Umweltschutz aber nicht am Ende. Global gesehen boomt die Stromerzeugung aus Wind und Sonne. Klimaschutz bleibe möglich, wenn er zum Demokratisierungs- und Gerechtigkeitsprojekt werde, sagt Eversberg. „Dafür ist, glaube ich, absolut entscheidend eine Klimaschutzpolitik, die zentral auf öffentliche Infrastruktur setzt.“
Wenn der öffentliche Nahverkehr funktionierende, gemeinnützige Wohnungen und öffentliche Schwimmbäder vorhanden seien, ermögliche das grundsätzlich ein nachhaltigeres und gerechteres Leben. Immerhin hat auch die Weltklimakonferenz den internationalen Klimaschutz nicht komplett beerdigt – sondern trotz des schwachen Beschlusses gezeigt, dass viele Länder daran festhalten wollen.








