Papst besucht Türkei und Libanon Erste Auslandsreise – und gleich als Diplomat gefragt
Stand: 27.11.2025 06:29 Uhr
Papst Leo XIV. geht zum ersten Mal auf Reisen und besucht die Türkei und den Libanon. Der Besuch in zwei Ländern, in denen die Christen in der Minderheit sind, wird für den Papst eine diplomatische Herausforderung.
Es ist der erste Auftritt dieses Papstes im Ausland. Und das Premieren-Programm birgt so viel politische und religiöse Brisanz, dass Leo XIV. vor allem als Diplomat gefragt sein wird. In der Türkei trifft er auf eine kleine christliche Gemeinde, die sich irgendwie mit der muslimischen Mehrheitsgesellschaft und mit Präsident Recep Tayyip Erdogan arrangieren muss.
Zwischen 100.000 und 180.000 Christen leben im Land; das entspricht einem Bevölkerungsanteil von etwa 0,3 Prozent. „Wirklich verfolgt sind sie meines Erachtens nicht“, sagt der Jesuit und Islam-Experte Felix Körner von der Humboldt Universität in Berlin. „Es gab aber immer eine gewisse gesellschaftliche Diskriminierung.“
Als Erdogan im Jahr 2003 Ministerpräsident wurde, habe sich die Situation für die Christen im Land zunächst sogar verbessert. Inzwischen stellt Körner allerdings wieder ein „neues Unsicherheitsgefühl“ fest. In dieser Situation setze Leo ein Zeichen, in dem er mit seinem Besuch die kleine christliche Minderheit ermutige.
Eine Minderheit in der Minderheit
Leo XIV. wird dabei zum Sprecher aller Christen in der Türkei. Denn die Katholikinnen und Katholiken sind selbst in der Minderheit noch eine Minderheit.
Die größte Gruppe bilden armenische Christen, und mit Patriarch Bartholomaios residiert das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche in der Türkei. Der 85-Jährige weicht Leo bei diesem Besuch praktisch nicht von der Seite.
Er hat die stille Hoffnung, so mutmaßen türkische und griechische Medien, dass ein Ergebnis dieser Papstvisite die Wiedereröffnung des griechisch-orthodoxen Priesterseminars sein könnte. Dieses liegt auf der Insel Chalki im Marmarameer vor Istanbul und wurde 1971 geschlossen. Bis dahin war das Seminar die wichtigste theologische Ausbildungsstätte der orthodoxen Welt.
Der Souvenirhandel hat sich vorbereitet: In Istanbul konnte man schon vorher T-Shirts mit dem Bild des Papstes erwerben.
Setzt Erdogan ein anderes Signal?
Mit der Wiedereröffnung würde Erdogan ein Zeichen der religiösen Toleranz setzen, nachdem er zuletzt andere Signale gesendet hatte. 2020 wandelte die türkische Regierung die Hagia Sophia in Istanbul, den einst größten Kirchenbau der Christenheit, von einem Museum in eine Moschee um.
Leo macht deshalb in Istanbul einen Bogen um dieses Gebäude, das noch bei den Visiten seiner Vorgänger Benedikt XVI. (2006) und Franziskus (2014) zum festen Besuchsprogramm gehörte.
Die Geschichte der Hagia-Sophia in Istanbul dämpft die Hoffnungen auf ein Zeichen Erdogans – er wandelte sie in eine Moschee um.
Erinnerung an eine Zeit der Kompromissfähigkeit
Am zweiten Besuchstag reist Papst Leo nach Nicäa, heute Iznik. Er trifft dort mit Vertretern verschiedenster christlicher Kirchen zusammen – und erinnert damit an ein Ereignis, bei dem sich die Christenheit zum vorerst letzten Mal auf einen gemeinsamen Nenner einigen konnte.
Aus dem Konzil von Nicäa ging das Glaubensbekenntnis hervor, das bis heute in den Kirchen der katholischen, orthodoxen und protestantischen Tradition gebetet wird. Die antiken Ruinen, wo dieses Ereignis stattgefunden haben soll, wurden vor dem 1.700-Jahr-Jubiläum freigelegt.
Die Christen in der Türkei hoffen, dass das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf der Insel Chalki wieder eröffnet wird.
Zu wenig Zeit für einen echten Dialog
Der Besuch des Papstes in dem kleinen Ort Iznik, zwei Fahrstunden entfernt von Istanbul, soll ein Zeichen für die Ökumene, für die Verständigung der christlichen Konfessionen sein. Allerdings hat das Treffen, das ja der ursprüngliche Anlass dieser Reise war, einige Makel.
Die orthodoxen Kirchen sind spätestens seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine tief gespalten. Der Moskauer Patriarch Kyrill wird nicht teilnehmen. Ob er überhaupt eingeladen wurde, ist nicht bekannt.
Ohnehin wird das noch von Papst Franziskus für einen ganzen Tag geplante Treffen nun gerade mal eineinhalb Stunden dauern. Zu kurz, um echten Dialog zwischen den verschiedensten christlichen Vertretern zu ermöglichen.
Zum Jubiläum wurden die Ruinen des Konzils von Nicäa wieder freigelegt.
Ein Verzicht als Zeichen
Das größere Signal für die Einheit der Christenheit könnte somit von einem anderen Programmpunkt dieser Reise ausgehen: dem Besuch des Papstes bei der Sonntagsliturgie in der orthodoxen Kathedrale in Istanbul. „Das ist wirklich etwas Besonderes“, sagt Jesuitenpater Körner, denn in diesem orthodoxen Gottesdienst könne der Papst nicht den Vorsitz übernehmen, sondern nur mitfeiern.
Leo XIV. verzichtet also bewusst darauf, einen eigenen Sonntagsgottesdienst zu zelebrieren, um ein ökumenisches Zeichen zu setzen. Anschließend spendet er gemeinsam mit Patriarch Bartholomaios den Segen. Und damit, so Körner, „wird auch das unterstrichen, was man in dieser Region auf jeden Fall sagen muss: Es geht nicht gegeneinander“.
Auch im Libanon stimmen Plakate die Bevölkerung auf den Besuch des Papstes ein.
Friedensbotschaft auch für den Nahen Osten
Er wolle eine „Botschaft des Friedens und der Hoffnung“ überbringen, sagte der Papst kurz vor dem Aufbruch in die Türkei. Das ist aus dem Mund dieses Papstes mehr als nur ein frommer Wunsch. Seit mehr als einem halben Jahr ist Leo XIV. im Amt und hat dabei fast keine Gelegenheit verstreichen lassen, um für eine friedliche Konfliktlösung zu werben – auch und vor allem im Nahen Osten.
So werden Leos erste Worte nach seiner Wahl – „Der Friede sei mit Euch allen“ – auch das Leitmotiv der zweiten Etappe dieser ersten Auslandsreise Reise. Diese führt ihn in den Libanon. Wenige Tage vor seiner Ankunft im Libanon hat die israelische Armee von der Hisbollah dominierte Viertel in Beirut bombardiert. „Es gibt Grund zur Besorgnis“, sagte Leo am Dienstagabend und forderte alle Seiten auf, „Wege zu finden, den Einsatz von Waffen als Mittel zur Problemlösung aufzugeben“.
Viele Christen verlassen den Libanon
Michel Constantin, Regionaldirektor der Päpstlichen Mission für den Libanon, hat die Visite des Papstes mitvorbereitet und setzt darauf, dass Leo sein ganzes „politisches und moralisches Gewicht“ einbringen wird, „um die Libanesen insgesamt zu unterstützen, nicht nur die Christen im Libanon“.
30 Prozent der Bevölkerung gehören einer christlichen Konfession an – noch. Die Kirchen im Libanon leiden darunter, dass immer mehr Christen das Land verlassen. Es steckt seit Jahren in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise, die sich durch die Explosion im Hafen von Beirut im Sommer 2020 noch einmal zugespitzt hat. Kurz vor seinem Abflug aus dem Libanon wird Papst Leo am Ort des Unglücks gemeinsam mit Überlebenden und Angehörigen der 200 Opfer beten.








