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Fragwürdige Meditationskurse Wenn das Schweige-Retreat zum Horrortrip wird
Stand: 27.11.2025 07:06 Uhr
Zehn Tage schweigen, stundenlang meditieren. Viele schwärmen von Vipassana-Retreats, die weltweit angeboten werden. Doch BR-Recherchen zeigen, dass manche Teilnehmende dort an psychische Grenzen geraten.
Von Christiane Hawranek und Katja Paysen-Petersen, BR
Es ist Tag acht im Schweige-Retreat in Triebel. Mark (25) sitzt auf seinem Kissen in der kargen Halle, umgeben von rund 140 Meditierenden. Plötzlich schreit ein junger Mann, erinnert sich Mark: „Das ging ins Knochenmark von jeder Person im Raum. Es klang, als würde jemand abgestochen werden.“ Viele weinen, er selbst ist schockiert. Zwei Ehrenamtliche führen den jungen Mann hinaus. Danach läuft die Schweige-Meditation weiter, als wäre nichts passiert.
Ungefähr 200.000 Menschen nehmen jährlich an einem Vipassana-Kurs nach S.N. Goenka teil, sagt Dhamma, das Netzwerk dahinter. Es listet rund 400 Zentren und Kursorte auf – etwa in Indien, Australien, Kanada, den USA. Auch in Deutschland gibt es fünf Standorte, unter anderem im baden-württembergischen Sasbachwalden und im sächsischen Triebel. Auf der Dhamma-Webseite wird die Meditationstechnik als „universelles Heilmittel gegen universelle Krankheiten“ bezeichnet.
Extremes Setting: kein Buch, kein Sport, wenig Schlaf
Die Meditationstechnik geht auf S. N. Goenka zurück, der 2013 starb. Seine Anweisungen laufen in den Kursen weiterhin über Lautsprecher, um die Lehre unverändert zu halten, sagen Vipassana-Mitarbeiter im BR-Interview. Die Praxis sei eine „Reinigung des Geistes“, bei der alte Erfahrungen, Ängste und Traumata aufsteigen können – diese „Abgründe“ solle man wahrnehmen und weiterziehen lassen.
Die Regeln im Retreat sind streng: Handys werden anfangs abgegeben, zehn Tage lang wird geschwiegen und täglich rund zehn Stunden meditiert.
Die Teilnehmenden kommunizieren nicht miteinander, auch nicht mit Gesten, und sie sollen weder lesen noch Sport machen. Außerdem sollen sie nicht sexuell aktiv sein – so lauten die Verhaltensregeln. Goenka selbst vergleicht die Meditationstechnik in seinen Vorträgen mit einer Operation am Geist. Man könne nicht einfach mittendrin abbrechen. Auch auf der Dhamma-Webseite heißt es: „Muss ich für den gesamten Kurs bleiben? Ja.“
Weiter meditieren – auch bei psychischen Problemen?
BR-Recherchen zeigen, dass sich Kursteilnehmende immer wieder unter Druck gesetzt fühlen, den 10-Tages-Kurs durchzuziehen – auch, wenn sie währenddessen psychische Probleme bekommen. Auch Teilnehmer Mark hatte diesen Eindruck bei seinem Schweige-Retreat im Sommer 2023. Einen Tag, bevor der andere Mann schreiend zusammengebrochen war, habe er beobachtet, wie dieser dem Meditationslehrer weinend seine Ängste geschildert habe. Er sei dennoch zum Weitermeditieren ermutigt worden, erinnert sich Mark. Er findet dieses Verhalten „fahrlässig“.
Die Vipassana-Vereinigung e.V. bestätigt den Zusammenbruch des Teilnehmers auf BR-Anfrage, weist jedoch jeden Vorwurf der Fahrlässigkeit zurück. Der Vorfall sei regelkonform behandelt worden. Mit dem Betroffenen sei 30 bis 60 Minuten gesprochen worden. Auf Anfrage betont der Verein zudem, man halte niemanden fest und überrede niemanden zu bleiben.
Der Meditationsforscher Ulrich Ott bietet Beratung für Menschen an, die spirituelle oder meditationsinduzierte Krisen haben. Er sagt, dass die Vipassana-Kurse nach Goenka mit ihrem extremen Setting und der Kommunikationssperre nicht für Anfänger geeignet seien. „Die Menschen steigern sich zum Teil in psychische Ausnahmezustände.“ Sie bräuchten dann ein Gegenüber, so Ott, etwa einen Psychotherapeuten oder einen Lehrenden, der Rückmeldung gibt.
Auf Anfrage heißt es bei der Vipassana-Vereinigung e.V., die Lehrenden seien „Experten für Meditation“ und hätten weder eine psychotherapeutische Ausbildung noch seien sie medizinisch geschult.
Vipassana-Vereinigung: „Ab und zu psychische Störungen“
Es komme ab und zu vor, dass Menschen psychische Störungen während oder nach einem Vipassana-Kurs entwickelten, teilt der deutsche Verein mit. Auf einen ursächlichen Zusammenhang könne man daraus aber nicht schließen.
Viele Teilnehmende berichten auf Social Media und in Foren begeistert von den Retreats. Der BR hat mit einem Dutzend Kursteilnehmenden gesprochen. Die meisten erzählen jedoch: Das Schweige-Retreat sei für sie zum Horrortrip geworden, zum Beispiel ein Mann aus Bayern. Er hat während des Kurses eine Psychose entwickelt. Im BR-Podcast „Seelenfänger“ sagt er: „In diesem Zustand hätte es passieren können, dass ich mich und meine Frau umbringe.“
Die suchte Hilfe beim Personal des Meditationszentrums – doch zunächst habe niemand reagiert. Später ließ man ihren Mann trotz akuter Psychose mit dem Fahrrad allein das Zentrum verlassen, berichtet sie. Zu dem konkreten Fall äußert sich das betreffende Meditationszentrum nicht.
Andere Kursteilnehmende berichteten dem BR, sie hätten während der Retreats den Bezug zur Realität verloren oder Panikattacken bekommen. Auf BR-Anfrage äußert sich Dhamma dazu nicht. Auf der Dhamma-Webseite heißt es, man rate „in einigen Fällen Menschen mit einer Vorgeschichte schwerwiegender psychischer Erkrankungen oder Beschwerden von einem Vipassana-Kurs ab“.
Intensive Meditationen und ihre Risiken
Der Theologe Christoph Grotepass von Sekteninfo NRW sagt, viele Menschen suchten in Krisensituationen Hilfe durch Meditation. Bei intensiven und langen Vipassana-Meditationen könnten jedoch unbewältigte Probleme an die Oberfläche dringen, derer sich die Teilnehmenden vorher oftmals nicht bewusst seien und dann im Kurs davon überwältigt würden. Gewisse Rahmenbedingungen der Retreats erinnern Teilnehmende und Experten an Sekten: Abschottung von der Außenwelt, strenge Regeln, eine Art Heilsversprechen wie das „universelle Heilmittel“ und ein autoritärer Lehrer, dessen Botschaft eindringlich aus dem Lautsprecher schallt.
Meditationsforscher Ott, der selbst einen Kurs besuchte, sagt: „Es hatte für mich den Geschmack eines Gurukultes.“ Die Vipassana-Vereinigung widerspricht dem Sekten-Vorwurf: Der Kurs mache Menschen „stark und unabhängig“, niemand werde an Techniken oder Glaubensinhalte gebunden.
Mehrere ehemalige Kursteilnehmer vergleichen die Vipassana-Erfahrungen im Gespräch mit dem BR gar mit einem Drogentrip. Im „Seelenfänger“-Podcast sagt ein Teilnehmer, der eine Psychose erlitten hat: „Man sollte sich die Teilnahme gut überlegen. Menschen sind wie Eierschalen: leicht aufzubrechen, aber schwer zu reparieren.“








