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Amtsantritt von Mamdani Eine neue Ära für New York?
Stand: 02.01.2026 04:21 Uhr
Der erste muslimische Bürgermeister New Yorks, Mamdani, verspricht radikale Sozialreformen. Doch zwischen der Euphorie seiner Anhänger und den politischen Hürden der Realität liegt ein steiniger Weg.
Eine Analyse von Jan Koch, ARD-Studio New York
„Wem gehört New York?“, fragt Zohran Mamdani in seiner Antrittsrede, in der der links-demokratische Politiker deutlich macht, dass er nicht vor hat, kleine Brötchen zu backen. Er wendet sich direkt an jene Kritiker, die ihm im Vorfeld zur Mäßigung rieten: „Beim Schreiben dieser Rede wurde mir gesagt, dies sei der Anlass, die Erwartungen herunterzuschrauben. Ich solle diese Gelegenheit nutzen, um die Menschen in New York dazu zu ermutigen, wenig zu verlangen und noch weniger zu erwarten. Das werde ich nicht tun. Die einzige Erwartung, die ich zurückschrauben möchte, ist die der geringen Erwartungen. Ab heute werden wir umfassend und kühn regieren.“
Mamdanis Vision ist klar: Eine Rückkehr zu einer aktiven, fordernden Regierungspolitik. „Das Rathaus wird nicht länger zögern, seine Macht zu nutzen, um das Leben der New Yorker zu verbessern“, ruft er der Menge zu. Er verspricht, die Frage „Wem gehört New York?“ neu zu beantworten – nicht den Reichen und gut Vernetzten, sondern allen 8,5 Millionen Einwohnern. Seine zentralen Versprechen waren: kostenloser Busverkehr, kostenlose Kinderbetreuung und gedeckelte Mieten.
Hoffnungsträger der Arbeiterklasse
Bei seinen Anhängern trifft dieser Ton einen Nerv. „Wir haben ihn gewählt, weil wir bereit für den Wandel sind“, sagt Jen Shoemaker am Rande der Feierlichkeiten. „Selbst wenn er nur ein Viertel seiner Versprechen einlöst.“ Viele hier hoffen auf konkrete Verbesserungen ihrer Lebenssituation. Abdul Inniss etwa setzt auf eines der zentralen Wahlkampfversprechen: „Die Mieten schießen nur so in die Höhe. Hoffentlich kann er die Mieten wirklich einfrieren.“
Aber was von all seinen Versprechen ist machbar? Wie realistisch sind seine ambitionierten Vorhaben? Die Politikwissenschaftlerin Annika Hinze von der Fordham Universität in New York forscht zu Kommunalpolitik und hat sich viel mit Mamdanis Kandidatur beschäftigt. Sie dämpft die Euphorie und differenziert zwischen den verschiedenen Versprechen.
Als am ehesten umsetzbar sieht Hinze die Pläne für städtische Supermärkte und die kostenlose Kinderbetreuung an. „Ich denke, beides ist für einen Bürgermeister machbar und entscheidbar. Allerdings werden sie natürlich Geld kosten“, analysiert Hinze. Mamdani plant, dies durch höhere Steuern für Superreiche und den Privatmarkt zu finanzieren. Hinze hält dies nicht für unmöglich, da New York auch bei höheren Abgaben ein Wirtschaftsmagnet bleibe.
Problemfelder Wohnen und Nahverkehr
Deutlich schwieriger wird es beim Thema Wohnen. Zwar verspricht Mamdani einen „Rent Freeze“, doch sein Vorgänger Eric Adams hat ihm hier strategische Steine in den Weg gelegt. Über Mieterhöhungen bei sozialgebundenen Wohnungen entscheidet das sogenannte Rent Guidelines Board. Adams hat jetzt noch mal vier neue Mitglieder ernannt. Da diese Amtszeiten gestaffelt sind, hat Mamdani kurzfristig keine Mehrheit in dem Gremium, um einen sofortigen Stopp von Mieterhöhungen durchzudrücken. Für Mamdani eine Herausforderung.
Am härtesten dürfte der Kampf um den kostenlosen Nahverkehr werden. Die New Yorker Verkehrsbetriebe (MTA) unterstehen auch dem Bundesstaat und nicht nur der Stadt. „Der Bürgermeister kann dort nur vier Mitglieder nominieren, nicht einmal ernennen“, gibt Hinze zu bedenken. Hier werde Mamdani voraussichtlich „auf Granit beißen“ da ihm schlicht die Macht fehlt.
Ein Sozialist im Rathaus
Mamdani macht keinen Hehl aus seiner ideologischen Ausrichtung. „Ich wurde als demokratischer Sozialist gewählt und ich werde als demokratischer Sozialist regieren“, stellt er in seiner Rede klar und zitiert sein Vorbild Bernie Sanders, der ebenfalls anwesend ist. Sanders verteidigt seinen Politkollegen gegen Kritik: „Im reichsten Land der Welt ist es nicht radikal, dafür zu sorgen, dass Menschen in bezahlbaren Wohnungen leben können.“
Doch die Polarisierung ist spürbar. Während junge New Yorker und Menschen mit Migrationshintergrund jubeln, gibt es auch Skepsis. Hannah Sandhu aus Brooklyn äußert Sorgen, die viele in der jüdischen Community teilen: „Ich habe Angst, dass Antisemitismus unter ihm normal wird. Ich lebe über einer israelischen Jazz-Bar, und wir werden oft angegriffen.“
Mamdani, der sich stark pro-palästinensisch positioniert, versucht in seiner Rede, Brücken zu bauen. „Ich stehe an der Seite der über eine Million New Yorker, die vor fast zwei Monaten für diesen Tag gestimmt haben – und ich stehe genauso entschlossen an der Seite derer, die es nicht getan haben.“ Für alle, die New Yorker sind, sei er der Bürgermeister. „Unabhängig davon, ob wir einer Meinung sind, werde ich Sie beschützen“, fügt er hinzu.
Zohran Mamdani bei seiner Amtseinführung mit seiner Frau Rama Duwaji und US-Senator Bernie Sanders
Überraschende Dynamik mit Trump
Ein besonders heikles Spannungsfeld eröffnet sich in der Migrationspolitik, gerade mit Blick auf Washington. Zwar liegen Einwanderungsgesetze in der Hand des Präsidenten und des Kongresses, doch Expertin Hinze sieht für Mamdani durchaus Spielraum, den Kurs seines Amtsvorgängers zu korrigieren. Adams hatte sich zuletzt Trump angenähert und der Einwanderungsbehörde ICE den Zugang zu bestimmten sensiblen Daten von illegalen Migranten gewährt. Mamdani hingegen könnte New Yorks Status als „Sanctuary City“ wiederbeleben.
Zwar kann er ICE-Razzien nicht gänzlich verhindern, aber Symbolpolitik betreiben. Mamdani könnte die Polizei anweisen, nicht mit den Bundesbehörden zu kooperieren, um so den Schutzraum für Migranten innerhalb der städtischen Möglichkeiten zu wahren.
Besonders spannend zu beobachten ist daher die mittlerweile überraschende Dynamik, die sich indes zwischen ihm und US-Präsident Donald Trump abzeichnet. Obwohl Trump Mamdani lange als Kommunisten brandmarkte und mit Mittelkürzungen für New York City im Falle der Wahl Mamdanis drohte, verlief das erste persönliche Treffen der beiden Ende November überraschend harmonisch. Ob diese Waffenruhe hält, ist fraglich, doch Mamdani ist auf Bundesmittel angewiesen.
Ein neuer Stil
Für Politikwissenschaftlerin Hinze bleibt abzuwarten, wie viel von der ambitionierten Agenda der neue Bürgermeister wirklich umsetzen kann: „Vielleicht kann er in einer gesamten Amtszeit die Hälfte oder drei Viertel seiner Ziele erreichen. Aber ich vermute, in den ersten 100 Tagen werden wir sehr wenig sehen.“
Mamdani selbst gibt sich kämpferisch. „Die Arbeit geht weiter, die Arbeit dauert an“, ruft er der Menge zum Abschluss zu. „Die Arbeit, meine Freunde, hat gerade erst begonnen.“








