Europäische Raumfahrtbehörde Das neue Wettrennen zum Mond
Stand: 28.11.2025 00:36 Uhr
Bis zum Ende des Jahrzehnts soll ein deutscher Astronaut Richtung Mond fliegen. So ein Schachzug bringt Aufmerksamkeit, aber das zentrale Thema der ESA ist eigentlich ein anderes: Unabhängigkeit.
Josef Aschbacher, der Generaldirektor der europäischen Raumfahrtagentur ESA, macht nicht den Eindruck, als würde er sich schnell aus der Ruhe bringen lassen. Aber als er nach der letzten Verhandlungsrunde der ESA-Ministerratskonferenz vor die Presse tritt, sieht man selbst ihm freudige Aufregung an.
Die Nachrichten, die er zu verkünden hat, sind mehr als gut. Die 23 Mitgliedsstaaten der ESA haben sich auf eine Rekordsumme für die Raumfahrt geeinigt: 22,1 Milliarden Euro sollen in den nächsten drei Jahren in die ESA fließen – eine Steigerung von rund 30 Prozent im Vergleich zur letzten Finanzierungsrunde. Damit wurde zum ersten Mal das Budget erreicht, das sich ein ESA-Direktor im Vorfeld gewünscht hatte.
Erste Mond-Mission mit deutschem Astronauten
Schon eine knappe Stunde vorher hatten Aschbacher und die deutsche Raumfahrtministerin Dorothee Bär von der CSU eine andere große Neuigkeit verkündet: Ein deutscher Astronaut oder eine deutsche Astronautin soll bis zum Ende des Jahrzehnts in Richtung Mond fliegen. Bisher haben europäische Astronauten noch nie den erdnahen Orbit der Internationalen Raumstation ISS verlassen.
Zum Vergleich: Die ISS schwebt in rund 400 Kilometern Höhe über unseren Köpfen, aber der Mond ist rund 385.000 Kilometer entfernt, die Reise dahin dauert ganze drei Tage. Nun ist klar: Drei Mond-Tickets gehen beim amerikanischen Artemis-Projekt an Astronauten aus Deutschland, Frankreich und Italien, der oder die Deutsche fliegt zuerst.
Vier Deutsche mit Hoffnung auf Mond-Ticket
Das Artemis-Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der NASA, US-Präsident Donald Trump hat es 2019 in seiner ersten Amtszeit initiiert, es soll wieder Menschen in Richtung Mond bringen. In erster Linie geht es bei diesem Ziel um Forschungszwecke, aber in ferner Zukunft könnte der Abbau von Rohstoffen auf dem Mond interessant werden. Auch Russland und insbesondere China wollen das neue Rennen zum Mond gewinnen.
Hoffnung auf das Ticket zum Mond dürfen sich vier Deutsche machen. Stand heute haben der Geophysiker und Vulkanologe Alexander Gerst und der Materialforscher Matthias Maurer die besten Chancen. Beide waren schon auf der ISS und gehören zum aktiven Astronautenteam der ESA.
Das ist wichtig, denn nur, wer schon im All war, qualifiziert sich für die Mondmission. Diese Erfahrung fehlt bisher den beiden deutschen Reserve-Astronautinnen Amelie Schoenenwald, einer Biochemikerin, und Nicola Winter, einer Pilotin. Da es aber noch ein paar Jahre dauern kann, bis die Reise zum Mond konkret wird, haben bis dahin vielleicht auch diese beiden ihre Weltraumerfahrung gesammelt.
ESA strebt nach mehr Unabhängigkeit
Die größte Herausforderung für die ESA sind aber nicht die Reise zum Mond, nicht die Erdbeobachtungsprogramme, bei denen sie weltweit führend ist und auch nicht die Frage, mit welchen Schwerlastraketen oder Microlaunchern sie in der Zukunft den Orbit erreichen will.
Das übergeordnete Ziel der ESA-Ministerratskonferenz in Bremen heißt: Europäische Unabhängigkeit. Raumfahrt ist teuer, Europa hat sich lange auf internationale Zusammenarbeit verlassen. Aber mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat die ESA die Zusammenarbeit mit Russland vollständig beendet.
NASA als „Partner auf Augenhöhe“
Und die USA unter Trump sind ein Partner, der mindestens sprunghaft sein könnte. Ein Beispiel: Die Soldaten in der Ukraine sind momentan auf Aufklärungsdaten von NASA und Space X angewiesen. Sollten Donald Trump oder Elon Musk entscheiden, diese nicht mehr zu liefern, würde die Ukraine kein zuverlässiges Lagebild mehr erhalten.
Das ist ein hohes Risiko für die europäische Sicherheit – und nur ein Grund, warum die ESA unabhängiger werden will. „Nicht gänzlich unabhängig,“ betont ESA-Generaldirektor Aschbacher. „Die NASA wird immer ein wichtiger Partner bleiben. Aber auf Augenhöhe müssen wir kommen.“ Doch dieses Ziel ist selbst nach der Rekord-Finanzierung noch in weiter Ferne, das Budget der NASA ist immer noch circa fünfmal so hoch wie das der ESA.
Verteidigungsministerium investiert in Raumfahrt
„Dual Use“ ist bei der ESA das Stichwort der Stunde. In ihren Statuten hat die europäische Raumfahrtagentur friedliche Forschungszwecke verankert, das heißt: Sie kann zur europäischen Sicherheit beitragen, aber sie darf nicht militärisch auf Angriff schalten.
Ein gewaltiger Unterschied. Die ESA könnte beispielsweise mit ihren Erdbeobachtungssatelliten, die die Höhe des Meeresspiegels oder den Zustand der Wälder im Blick haben, auch Lagebilder für ukrainische Soldaten erstellen. Aber sie dürfte beispielsweise russische oder chinesische Aufklärungssatelliten nicht aktiv stören oder verfolgen.
An dieser Stelle kommt Verteidigungsminister Boris Pistorius ins Spiel, der bis 2030 35 Milliarden Euro in die deutsche Raumfahrtindustrie stecken will, um Deutschland auch im All verteidigungsfähig zu machen. Auch zum deutschen Beitrag am ESA-Budget hat das Verteidigungsministerium ein wenig beigesteuert.
Bär will Raumfahrt „Made in Germany“
Der Löwenanteil kommt aber aus dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Raumfahrtministerin Bär verkündet, dass Deutschland mit 5,1 Milliarden Euro der stärkste Beitragszahler der ESA ist. Sie ist trotz Haushaltswoche in Berlin persönlich angereist.
Sie tritt ein für mehr Wettbewerb und für eine Stärkung der deutschen Industrie. „An Made in Germany führt in der Raumfahrt kein Weg mehr vorbei“, sagt sie stolz. Und sie betont immer wieder: Trotz angespannter Haushaltslage muss hier investiert werden. Denn eine Investition in die Raumfahrt ist aus ihrer Sicht nicht nur ein Beitrag in die Zukunft, sondern auch einer in europäische Souveränität und Sicherheit.








