Kurse für Polens Zivilisten Training für den Ernstfall, Werbung für den Dienst
Stand: 29.11.2025 12:24 Uhr
Polen will seine Truppenstärke in den kommenden Jahren massiv aufstocken, aber ohne Rückkehr zur Wehrpflicht. Mit Basis- und Überlebenstraining soll sich die Armee nun auch für Zivilisten öffnen.
Von Martha Wilczynski, ARD Warschau
Samstagmorgen, 8.30 Uhr, auf dem Truppenübungsplatz der 1. Warschauer Panzerbrigade: In Lkws, die normalerweise Soldaten transportieren, werden die Teilnehmenden aufs Gelände gefahren.
Nach und nach springen sie von den Ladeflächen und stellen sich in einer Reihe auf. Die rund 60 Männer und Frauen zwischen Studien- und Rentenalter sehen sich zunächst verhalten auf dem kargen Militärgelände um.
Es ist der erste Wochenendkurs unter dem Motto „wGotowości“ – „in Bereitschaft“. Jeder polnische Staatsbürger ab 18 Jahren konnte sich via App dafür anmelden.
Deswegen sei die Gruppe so bunt gemischt, erklärt Kapitän Jacek Piotrowski, der Pressesprecher der Brigade, sichtlich zufrieden. Generell werde das Angebot sehr gut angenommen. Laut Verteidigungsministerium haben sich allein in den ersten Wochen landesweit rund 18.000 Personen für das Programm registriert. Auch viele Paare oder ganze Familien, betont Piotrowski.
Gosia und Krzysiek hatten in den Nachrichten von den Militärkursen erfahren und sich sofort angemeldet.
Zwischen Überlebenstraining und Abenteuer
In vier Gruppen unterteilt sollen die Teilnehmenden an diesem Tag verschiedene Grundlagen des Überlebenstrainings erlernen. Für Gosia und Krzysiek geht es los mit Erster Hilfe im Krisenfall.
Auf dem kalten Boden liegend sollen sie einander Aderpressen anlegen, kleine Gurte, mit denen schwere Blutungen an Armen oder Beinen gestoppt werden können. Dafür müssen diese mithilfe einer Drehvorrichtung so festgezogen werden, dass Gosia halb lachend, halb vor Schmerz aufschreit. Das junge Paar aus Warschau hatte in den Nachrichten von den Kursen erfahren und sich sofort angemeldet.
Ihnen sei es wichtig, in diesen Zeiten vorbereitet zu sein – auf alle Lebenslagen. Denn man wisse nie, so Gosia, „was passieren wird, und in welcher Situation wir uns wiederfinden. Sei es ein Autounfall, eine Naturkatastrophe oder ein bewaffneter Konflikt“. Gleichzeitig aber sei so ein Überlebenstraining auch „ein cooles Abenteuer“ fürs Wochenende, fügt die 38-Jährige hinzu.
Anregung zum Militärdienst
Tatsächlich sollen die durch das Verteidigungsministerium organisierten Schulungen auch dabei helfen, Vorbehalte gegenüber der Armee abzubauen, erklärt Pressesprecher Piotrowski: „Das Militär muss vor allem offen für die Gesellschaft sein und sein menschliches Gesicht zeigen. Wir wollen der Gesellschaft zeigen, dass das polnische Militär ein guter Ort für Menschen ist, die auch höhere Ziele verfolgen und etwas für den Rest der Gesellschaft tun wollen.“
Dabei macht er kein Geheimnis daraus, dass diese Kurse auch eine Anregung für die teilnehmenden Zivilisten sein sollen, über ein weiteres Engagement beim polnischen Militär nachzudenken. 2009 hatte Polen seine Wehrpflicht ausgesetzt. Diese soll vorerst nicht wieder eingeführt werden – trotz der permanenten Bedrohung durch Russland.
Zwar ist Polens Armee mit mehr als 215.000 Soldaten schon jetzt die drittstärkste der NATO. In den kommenden Jahren soll die Gesamttruppenstärke aber weiter anwachsen: auf 300.000. Dafür setzt der polnische Staat auf Freiwilligkeit beim Wehrdienst und auf eine breit gefächerte Vorbereitung der Zivilbevölkerung.
Die 60-jährige Malgorzata will sich Fähigkeiten aneignen, die man im Krieg gebrauchen kann.
Spürbare Bedrohungslage
Auch die pensionierte Lehrerin Malgorzata nimmt an dem Überlebenstraining teil. Soeben hat sie ausprobiert, wie es sich anfühlt, in einem provisorischen Unterstand aus Ästen und Moos Unterschlupf zu finden.
Ihre ersten Eindrücke seien sehr positiv, erklärt die 60-Jährige: „Die Soldaten trainieren uns hier sehr gut, und ich habe bereits gelernt, wie man ein Lagerfeuer im Wald macht. Ich weiß schon, wie man einen Unterschlupf baut und andere Dinge, die nützlich sein können.“
Sie wolle sich noch mehr Fähigkeiten aneignen, die man braucht, „um im Krieg oder unter kritischen Bedingungen zu überleben“. Dafür habe sich die Warschauerin auch für die folgenden Kurse anmelden wollen. Allerdings seien die bereits ausgebucht, sie stehe auf der Warteliste.
Selbstverständlich tue sie all das, weil sie eine wachsende Bedrohungslage für Polen spüre, erklärt Malgorzata. Das Sprengstoffattentat auf eine strategisch wichtige Bahnstrecke, für die Polen russische Geheimdienste verantwortlich macht, ist noch nicht lange her. Auch die Drohnen im polnischen Luftraum sind noch vielen präsent.
Der Ernstfall – schwer vorstellbar
Einen konkreten Plan für den möglichen Ernstfall hat Malgorzata aber nicht. Dieser würde sich wohl erst entwickeln – je nach Situation, sagt sie. Dass sie nach diesem Wochenende aber weiß, wie sie selbstständig ein Feuer entzünden kann, gibt der pensionierten Lehrerin ein beruhigendes Gefühl.
Auch für den 41-jährigen Krzysiek ist das Hauptziel dieses Kurses, zu erfahren, wie er und seine Partnerin Gosia sich in kritischen Situationen verhalten sollen. Was er aber konkret tun würde, sollte es tatsächlich zum Krisen- oder gar Kriegsfall kommen, könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend beantworten.
In jedem Fall aber würde er „einen Beitrag leisten wollen, um der Gesellschaft zu helfen“. Doch es sei schwer, sagt Krzysiek, „das Verhalten in einer Situation vorherzusagen, die wir so noch nicht erlebt haben“.








