Stand: 29.11.2025 15:05 Uhr
Die Bezahlung von Hebammen wurde im November reformiert – für eine engmaschigere Betreuung während der Geburt. Doch freiberufliche Hebammen befürchten hohe Verdiensteinbußen und fühlen sich übergangen.
Von Katharina Spreier, WDR
Janina Esau-Homann ist seit 20 Jahren Hebamme. Es war immer ihr Traumjob, das hört man ihr an. Allerdings spürt man auch die Frustration, die sich über all die Jahre angestaut hat. Sie war lange angestellt in einer Paderborner Klinik, wo sie mit wenigen Kolleginnen manchmal für drei, manchmal für 20 Geburten täglich zuständig war.
„Geburtshilfe ist ein sehr sensibler Bereich und wenn dann eine Hebamme daneben steht, die gestresst ist, dann überträgt sich das natürlich auf die Geburt“, sagt sie.
Das war für sie nicht mehr tragbar, deshalb hat sie sich selbstständig gemacht. Inzwischen arbeitet sie mit 32 anderen Hebammen in einem Verbund von Einzelunternehmerinnen zusammen – als sogenannte Beleghebammen, die freiberuflich mit Kliniken kooperieren.
1:1-Betreuung von gebärenden Frauen als Ziel
In Deutschland gibt es gut 18.000 Beleghebammen. Sie betreuen etwa 20 Prozent der Geburten. Dabei begleiten sie die Frauen nicht nur im Kreißsaal, sondern schon ab dem positiven Schwangerschaftstest: von der Vorsorge und Geburtsvorbereitung über Wochenbettbetreuung und Rückbildung bis zur Stillberatung.
Während der Geburt steht für Beleghebammen wie Janina Esau-Homann die 1:1-Betreuung der Frauen an erster Stelle. Sie wollen nicht mehr zwischen mehreren gebärenden Frauen hin- und herlaufen müssen, wie es oft im Angestelltenverhältnis der Fall war.
Als freiberufliche Hebamme sei sie diesem Ziel deutlich näher gekommen, erzählt Esau-Homann. Trotzdem kommt es immer noch vor, dass sie mehrere Geburten parallel betreuen muss.
Beleghebammen befürchten Einbußen
Der Hebammenhilfevertrag zwischen Hebammenverbänden und gesetzlichen Krankenkassen, der seit November gilt, will die 1:1-Betreuung eigentlich stärken und bezahlt sie ab jetzt besser. Gleichzeitig gibt es aber für die Parallelbetreuung mehrerer Frauen weniger Geld: Ab der zweiten betreuten Geburt nur noch 80 Prozent des regulären Stundensatzes.
Für Beleghebammen wie Janina Esau-Homann könnte das laut dem Landesverband der Hebammen Nordrhein-Westfalen Verdiensteinbußen von bis zu 30 Prozent bedeuten. Das hat Folgen. In ihrem Team haben bereits drei Hebammen gekündigt.
Der Deutsche Hebammenverband befürchtet, dass die Versorgung von schwangeren und gebärenden Frauen durch den neuen Rahmenvertrag langfristig gefährdet sein könnte. Laut einer aktuellen Studie im Auftrag des Verbandes denkt schon jetzt beinahe jede zweite Hebamme darüber nach, ihren Job aufzugeben.
Der am meisten genannte Grund dafür ist die in den Augen der Hebammen unzureichende Bezahlung für einen Beruf mit so viel Verantwortung. Das sieht auch Janina Esau-Homann so: „Ich habe 100 Prozent Haftung für das, was mit der Frau passiert – also will ich auch zu 100 Prozent bezahlt werden.“
Weiter finanzierbar?
2020 wurde die Hebammenausbildung reformiert. Seitdem ist der Beruf durch einen dualen Bachelor-Studiengang zu erreichen. Die Zahl der Interessentinnen ist hoch und die Zahl der Studienplätze wurde Jahr für Jahr erhöht, auf zuletzt 1.650 Plätze im Jahr 2024. Es scheint also, als wäre der Nachwuchs gesichert. Auch Esau-Homanns Tochter steht kurz vor ihrem Abschluss.
„Hebamme zu sein hat auch viel mit Berufung und Herzblut zu tun“, sagt die 43-Jährige. „Wir waren schon vorher schlecht bezahlt, aber wir lassen ja die Frauen nicht im Stich.“
Es ist eben nicht nur ein Job, sondern eine Leidenschaft. Aber wie lange sie und ihre Kolleginnen sich das noch leisten können, das weiß sie nicht.








