Neurowissenschaften Wie sich das menschliche Gehirn wandelt
Stand: 30.11.2025 08:50 Uhr
Das menschliche Gehirn entwickelt sich laut einer neuen Studie in vier Phasen. Diese Phasen geben Hinweise darauf, wann das Gehirn besonders leistungsfähig oder besonders verletzlich ist.
Das Gehirn ist das komplexeste Organ des menschlichen Körpers und unterliegt einem lebenslangen Wandel. Eine aktuelle Studie der Universität Cambridge zeigt auf Basis einer umfassenden Analyse von Hirnscans, dass die entscheidenden Veränderungen des Gehirns bei den meisten Menschen zur selben Zeit starten: im Alter von etwa neun, 32, 66 und 83 Jahren.
Die ersten Jahre: Auf- und Umbau des Gehirns
„Diese Lebensabschnitte liefern wichtigen Kontext dafür, worin unser Gehirn in verschiedenen Phasen besonders leistungsfähig oder besonders verletzlich sein könnte“, betont Studienautorin Alexa Mousley von der Universität Cambridge.
Die erste Phase der Hirnentwicklung beginnt mit der Geburt und dauert bis etwa zum neunten Lebensjahr. In dieser Zeit wird das Gehirn zunächst intensiv „verkabelt“. Es entstehen unzählige neue Synapsen – die Verbindungen zwischen den Nervenzellen – die die Grundlage für die kognitive und motorische Entwicklung schaffen.
Doch bereits im frühen Kindesalter beginnt das Gehirn, diese Verbindungen zu optimieren. Synapsen, die nicht genutzt werden, werden wieder abgebaut. Gleichzeitig werden die Informationswege zwischen den wichtigsten Hirnregionen gestärkt. Diese Phase ist entscheidend dafür, wie effizient das Gehirn in den kommenden Lebensjahren arbeiten wird.
Pubertät: Der große Umbau des Gehirns
Mit etwa neun Jahren kündigt sich der erste Wendepunkt an. In dieser Zeit beginnt das Gehirn, sich auf die Veränderungen der Pubertät vorzubereiten. Hormonelle Umstellungen sorgen dafür, dass die weiße Hirnsubstanz, die für die schnelle Weiterleitung von Informationen verantwortlich ist, weiterwächst. Gleichzeitig wird das Netzwerk zwischen den wichtigsten Hirnregionen optimiert, um eine effizientere Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Während der „Bauarbeiten“ zeigen sich dann oft typische Pubertätsprobleme: Jugendliche verhalten sich aus Sicht der Erwachsenen oft unvernünftig und neigen zu riskantem Verhalten. Denn der sogenannte präfrontale Kortex entwickelt sich zuletzt – diese Region ist zuständig für Planung und Impulskontrolle.
Da das Gehirn in dieser Phase besonders empfindlich auf äußere und innere Einflüsse reagiert, treten in der Pubertät häufig auch erstmals psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen auf. Nach dem Umbau ist das Gehirn dann allerdings im Idealfall bestens vernetzt und optimal auf das Erwachsenenleben vorbereitet.
Höhepunkt der Hirnentwicklung mit 32 Jahren
Während die Pubertät einen klaren Beginn markiere, sei das Ende der Jugend wissenschaftlich viel schwerer zu bestimmen, erklärt die Studienautorin Alexa Mousley. „Rein anhand der neuronalen Architektur fanden wir, dass jugendtypische Veränderungen der Gehirnstruktur mit etwa Anfang dreißig enden.“
Mit etwa 32 Jahren erreicht das Gehirn seinen Zenit. Intelligenz und Persönlichkeit sind vollständig ausgebildet, und die neuronalen Netzwerke arbeiten bei gesunden Menschen optimal zusammen. Doch zu diesem Zeitpunkt beginnt auch schon ein langsamer Abbauprozess. Über die kommenden Jahrzehnte verschwinden neuronale Verbindungen allmählich wieder. Die genauen Ursachen dafür sind noch nicht vollständig geklärt.
Es wird vermutet, dass äußere Faktoren wie Stress, familiäre Veränderungen oder berufliche Belastungen eine Rolle spielen könnten. Ebenso könnte es sich um einen natürlichen Alterungsprozess handeln, der unabhängig von äußeren Einflüssen abläuft.
Umorganisation der Gehirnnetzwerke im Alter
Ab dem 66. Lebensjahr tritt das Gehirn in eine neue Phase ein. Die neuronalen Netzwerke dünnen weiter aus, was die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Hirnregionen erschwert. Ähnlich wie in der Pubertät ist das Gehirn in dieser Phase besonders empfindlich gegenüber Störungen.
Bluthochdruck oder andere gesundheitliche Probleme können Blutgefäße im Gehirn schädigen und so die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen. Das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz steigt in dieser Lebensphase deutlich an.
Mit 83 Jahren erreicht das Gehirn den letzten Wendepunkt seiner Entwicklung. Die neuronale Vernetzung nimmt weiter ab, und das Gehirn hat zunehmend Schwierigkeiten, Störungen auszugleichen. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass das Gehirn auch im hohen Alter bemerkenswerte Anpassungsfähigkeiten besitzt. So hat ein Forscherteam aus Tübingen und Magdeburg gezeigt, dass selbst hochbetagte Menschen in der Lage sind, neue Verbindungen im Gehirn zu bilden, wenn sie geistig aktiv bleiben.
Gehirn bleibt auch im hohen Alter lernfähig
Diese Studie belegt auch, dass tiefere Hirnregionen in der Lage sind, schwächere Nervensignale zu verstärken und so den Abbau neuronaler Netzwerke teilweise zu kompensieren. Geistige Fitness und soziale Interaktion können also dazu beitragen, die Funktionsfähigkeit des Gehirns bis ins hohe Alter zu erhalten.








