analyse
Stand: 30.11.2025 16:15 Uhr
Nach dem Ende der Ampelkoalition haben die Grünen auf ihrem Bundesparteitag versucht, sich neu zu verorten. Mit Forderung nach einem sozial verträglichen Klimaschutz und dem Neun-Euro-Ticket will man raus aus dem Elf-Prozent-Tal.
Wer sagt denn, dass Opposition Mist ist? Die Grünen können befreit vom Ballast der Ampelregierung wieder frei aufspielen. „Endlich“, sagt Henriette Heldt – Co-Vorsitzende der Grünen Jugend. „Endlich weg von Kompromissen hin zu Visionen.“
Durch die vielen Kompromisse in der Ampel hat das Profil der Grünen an Schärfe verloren. Für was genau stehen sie heute und vor allem: Wo stehen sie? Der politische Kompass muss neu justiert werden im Jahr eins nach Habeck.
„Links ist kein Schimpfwort“
„Wir schlagen ein neues Kapitel auf und gehen nach vorne“, sagt Co-Parteichefin Franziska Brantner. Zusammen mit Felix Banaszak will sie die Partei nicht nur nach vorn, sondern auch wieder nach oben bringen. Raus aus dem Elf-Prozent-Tal. Da sitzen sie fest seit der Bundestagswahl und beobachten, wie rechts der Mitte Union und AfD um Spitzenwerte ringen. Links der Mitte hat sich die Linke breit gemacht. Und dazwischen suchen die Grünen ihren Platz, natürlich auch eher links der Mitte. „In einer Zeit, in der dieses Land droht, brutal nach rechts abzudriften, ist „links“ für mich kein Schimpfwort, sondern ein Auftrag“, sagt Banaszak.
Er will Gegengewicht sein – grüne Alternativen bieten. Aber so weit ist die Partei noch nicht. Viele scheinen es gerade zu genießen, in der Opposition zu sein, sagen zu können, was man will und denkt – ohne Rücksicht auf Koalitionspartner. Einfach grün sein.
So setzt die Grüne Jugend auf dem Parteitag ihren Preis für das Deutschlandticket durch – neun Euro statt 49, wie es im Leitantrag steht. Die Parteispitze gönnt der Jugend den Erfolg, wissend, dass das niemals so kommen wird. Aber in der Opposition kann man das eben einfach mal machen: Visionen aufschreiben, grüne Visionen.
Klimapolitik hat gerade keine Konjunktur
Auch Franziska Brantner hat eine Vision. Dabei geht es um Generationengerechtigkeit. Sie will, dass die Grünen, die Generationen zusammenbringen, sich für die Jungen einsetzen und gleichzeitig die Alten in die Pflicht nehmen, ohne beide gegeneinander auszuspielen.
Ins Gespräch kommen, Kontakte suchen, Menschen überzeugen. Immer wieder geht es beim Parteitag um Gerechtigkeit – auch das soll als grüner Markenkern mehr in den Vordergrund. Neben grüner Klimapolitik natürlich. Das ist schließlich urgrünes Kernthema – daraus speist sich das Selbstverständnis der Partei. Allerdings hat Klimapolitik gerade keine Konjunktur, die Menschen machen sich andere Sorgen. Also lässt nur sich schwer mit Klimapolitik außerhalb der Kernwählerschaft punkten. Auch so erklären sich die festgefrorenen elf Prozent.
Von wegen Verbotspartei!
Hinzu kommt, dass an den Grünen der Ruf einer Verbotspartei klebt. Banaszak sieht eine emotionale Kluft zwischen den Menschen und allem, was öko, grün und Klima heißt. Diese Kluft will die Partei überwinden – und die Superreichen angehen: Flüge im Privatjet, in der First- und Businessclass verteuern und gleichzeitig klar machen, dass Grüne gegen das Hin-und-wieder-Fliegen gar nichts haben. Von wegen Verbotspartei!
Die Grünen kämpfen um ihren Ruf. Derzeit noch eher verhalten. Erst mal dreht sich vieles um sie selbst. Und sie gefallen sich offensichtlich wieder: Auf dem Parteitag zeigen sie ein geschlossenes Bild. Keine Kämpfe, kaum Knatsch, allenfalls Kontroverse. Das kann sich auch die neue Parteispitze auf die Fahnen schreiben.
Die SPD als Warnung
Aber auf Dauer wollen sich wohl die wenigsten mit Selbstvergewisserung in der Opposition begnügen. Denn sonst könnte die Bedeutungslosigkeit drohen. Und vor der warnt Riccarda Lang. Sie wirft einen Blick auf die andere geschrumpfte Ampel-Partei: die SPD: „Wir sehen es bei der SPD, was passiert, wenn eine Partei sich in ihre eigene Bedeutungslosigkeit hereinverwaltet. Und diesen Weg werden wir Grüne auf gar keinen Fall gehen“, ruft sie ins Parteitagsplenum.
Wohin der grüne Weg tatsächlich führt, wird sich im nächsten Jahr zeigen. In fünf Bundesländern wird gewählt. Alles ist möglich – ein grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg, das Mitregieren in Rheinland-Pfalz oder eben die Opposition. Im Osten sogar die außerparlamentarische.








