Stand: 30.11.2025 22:15 Uhr
Bei seinem Besuch im Libanon wird der Papst gefeiert wie ein Popstar. Viele Menschen in dem von Krisen und Kriegen erschüttertem Land sehen im Oberhaupt der katholischen Kirche einen Friedensbotschafter.
Hodda ist extra früh aufgestanden. Die Christin lebt mit ihren fünf Kindern unter ärmlichsten Bedingungen in einem heruntergekommenen Haus im Süden Beiruts, zehn Menschen teilen sich zwei Zimmer. Die Wirtschaftskrise im Libanon, der Krieg, die anhaltende Sorgen vor neuer Eskalation machen der Familie schwer zu schaffen.
Doch jetzt ist davon nichts zu spüren – alle sind aufgeregt: Sie wollen einen Blick auf den Papst erhaschen. „Wir wollen ihn sehen und seinen Segen empfangen“, sagt Hodda und strahlt. „Wenn wir nicht zu ihm durchkommen, dann eben von Weitem. Sein Besuch ist so wichtig für uns und den ganzen Libanon. Wir hoffen, dass er den Frieden in unser Land bringt – mehr wollen wir nicht.“
Viele Menschen im Libanon erhoffen sich vom Papst einen Weg Richtung Frieden im Land.
Gelb-weiße Vatikan-Fähnchen statt gelber Hisbollah-Flaggen
Auf den Straßen von Libanons Hauptstadt Beirut wehen diesmal weniger gelbe Hisbollah-Flaggen, sondern mehr gelb-weiße Fähnchen des Vatikan. An den Häuserwänden hängen übergroße Papst-Plakate – mit dem Bibelzitat „Selig sind die, die Frieden stiften“. Das ist das Motto der Papstreise – und das ist, was die Menschen im Libanon vom Papst erwarten: deutliche Worte für Frieden in der Region.
In seiner ersten Ansprache wandte sich Papst Leo XIV. bei einem Treffen mit Politikern und Vertretern der Zivilgesellschaft an die Libanesinnen und Libanesen: „Sie sind ein Volk, das nicht aufgibt, sondern angesichts von Prüfungen stets den Mut findet, sich neu zu erheben“, so der Papst. „Ihre Widerstandsfähigkeit ist ein unverzichtbares Merkmal echter Friedensstifter: Friedensarbeit ist ein ständiges Neuanfangen.“
Botschaft für den Frieden?
Einen Neuanfang, den der Libanon dringend braucht: Seit dem Krieg vor einem Jahr gibt es im Libanon immer noch fast täglich Luftangriffe aus Israel gegen die im Libanon mächtige Hisbollah-Miliz, oft sterben dabei auch Zivilisten. Die Waffenruhe existiert nur auf dem Papier.
„Der Papst kommt als Botschafter des Friedens“, so der maronitische Kardinal Bechara Rai im Interview mit der ARD. „Viele Menschen brauchen Frieden: inneren Frieden, sozialen Frieden, politischen Frieden.“ Der Libanon brauche diesen Frieden mehr als jedes andere Land. „Denn seit 1975 sucht er nach Frieden und begegnet nur Krieg“, so der Kardinal.
Die Hisbollah muss ihre Waffen abgeben
Dass der Papst bei seiner ersten Auslandsreise direkt auch den Libanon besucht, habe große Symbolkraft, sagt Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz. „Das ist etwas Besonderes, es ist ein Anliegen von Papst Leo, seinem ersten Wort nach seiner Wahl Taten folgen zu lassen, als er sagte: ‚Der Friede sei mit euch allen‘.“ Der Papst wolle eine Botschaft des Friedens setzen im Libanon. Auch Richtung Syrien, Irak, Israel und Palästina.
Ob diese Friedensbotschaft allerdings mehr wird als ein Augenblick wohltuender Worte, daran haben Beobachter große Zweifel. Die Gefahr, dass der Krieg mit Israel wieder aufflammt, ist real. „Wir erleben im Libanon aktuell die allerschwierigste Situation seit Jahren“, so der Journalist und Politikanalyst Amine Kammourieh. „Die USA haben der Hisbollah eine Frist gesetzt: Bis Ende Dezember muss sie ihre Waffen abgeben. Wenn sie das nicht tut, hat Israel absolut freie Hand, alles zu tun, was es will.“
Hoffnung für die Jugend
Angesichts dieser Anspannung wird der Papst mit seiner Friedensinitiative im Libanon gefeiert wie ein Popstar – längst nicht nur Christen, sondern auch viele Muslime wollen das Kirchenoberhaupt persönlich sehen.
Das dreitägige Programm ist eng getaktet – so wird es neben dem Besuch bei wichtigen heiligen Stätten auch ein Treffen mit der Jugend des Landes geben. Viele junge Menschen sehen im Libanon keine Zukunft und wandern aus. „Das ist nicht nur für den Libanon eine große Herausforderung, sondern für die ganze Levante“, so Papst Leo in seiner Ansprache. „Was kann getan werden, damit insbesondere die jungen Menschen sich nicht gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen und auszuwandern?“, fragt er. Wie könne man sie motivieren, den Frieden nicht anderswo zu suchen, sondern dabei mitzuhelfen, in ihrer Heimat mitzugestalten? Christen und Muslime seien dazu aufgerufen, ihren Teil dazu beizutragen.
Gedenken an die große Hafen-Explosion
Auch mit Angehörigen von Opfern der Hafen-Explosion in Beirut wird sich Leo treffen. Bei einer der weltweit größten nicht-atomaren Explosion starben in Beirut mehr als 200 Menschen. Auch fünf Jahre später sind die Verantwortlichen immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Dass sich jetzt der Papst dem Thema annimmt und an der Explosionsstelle beten will, ist für die Angehörigen ein wichtiges Zeichen.
„Es bedeutet uns so viel, dass der Papst während seines kurzen Besuchs im Libanon auch zum Hafen geht“, sagt Anwältin Cecile Roukoz, die bei der Explosion ihren Bruder verloren hat. „Das ist eine Botschaft an alle: Es braucht Gerechtigkeit.“ Von Anfang an seien den Angehörigen bei der Aufarbeitung viele Steine in den Weg gelegt worden, schildert sie. „Die Verantwortlichen wollen den Fall zu den Akten legen, ohne dass die Wahrheit ans Licht kommt.“
Auf der großen Straße Richtung Flughafen in Beirut hängt auf der einen Seite ein Großportrait des Papstes – auf der anderen ein riesiges Plakat mit dem Konterfei des getöteten Anführers der Hisbollah Hassan Nasrallah. Die zwei Realitäten in einem Land. Und alle hoffen, dass es während des Papstbesuches im Libanon friedlich bleibt.









