Stand: 01.01.2026 13:39 Uhr
2026 liegt eine der beiden Europäischen Kulturhauptstädte wieder in der Slowakei. Trencin trotzt einem Trend im Land: Die Kulturszene ist lebendig – ungeachtet der restriktiven Politik von Premier Fico.
Der Sound von Trencin klingt zurzeit wenig friedlich. Seit Monaten wird überall in der beschaulichen Kleinstadt in der Westslowakei gebuddelt, gebaggert und gehämmert. Auf dem malerischen Platz des Friedens mit seinen vielen Cafés und Restaurants genau wie auf der mittelalterlichen Burg, die auf einem Felsen über dem Fluss Waag thront.
Hier haben schon die Römer die Germanen besiegt und ihre Spuren hinterlassen, erzählt Burgdirektor Peter Martinisko. „Für uns bedeutet der Titel ‚Europäische Kulturhauptstadt‘ mehr als nur verschiedene Veranstaltungen im Jahr 2026. Wir sehen ihn eher als einen Neustart für die Burg, damit wir wirklich neue Ausstellungen und neue Dienstleistungen anbieten können, die dem 21. Jahrhundert entsprechen.“
„Teilhabe und Nachbarschaft stärken“
Als Europäische Kulturhauptstadt kann Trencin nun den Sanierungsstau angehen, der seit sozialistischen Zeiten besteht. Straßen und Museen werden renoviert, die Jugendstil-Synagoge ist bereits restauriert, freut sich Vize-Bürgermeister Patrik Zak.
„Am sinnvollsten für unsere Bürger ist es aber, die Gemeinschaftsarbeit zu stärken, die mit Kultur verbunden ist“, sagt Zak. „In diese Richtung hat sich auch die Europäische Kulturhauptstadt verändert. Es geht nicht nur um die Party 2026. Wir wollen Teilhabe und Nachbarschaften stärken. Das soll das Vermächtnis für 2027 und danach sein.“
Trencin hat sich mit einem innovativen Konzept gegen größere Mitbewerber in der Slowakei durchgesetzt. Eine Eröffnungsparty wird es natürlich geben, aber dazu werden keine Stars eingeflogen. Die 55.000-Einwohner-Stadt will sich als Bühne für lokale und europäische Künstlerinnen und Künstler präsentieren.
Workshops mit Freiwilligen
Im Rathaus regieren parteilose Proeuropäer, die seit Jahren die Stadtentwicklung vorantreiben – kulturell und wirtschaftlich. Die Textilindustrie gibt es in der früheren Mode-Stadt zwar nicht mehr, aber die Rüstungsbranche boomt. Trencin ist ein wichtiger Standort für das Militär, auch wenn der Militärflughafen inzwischen vor allem für das größte Musikfestival des Landes bekannt ist.
Neben dem sanierten Kulturzentrum Hviezda, auf Deutsch Stern, steht Iryna vor einer Gruppe von Frauen, mit einer Häkelnadel in der Hand. Die Ukrainerin lebt bereits länger hier. In einer Mischung aus Ukrainisch und Slowakisch erklärt sie eine moderne Häkeltechnik mit besonders dicker Wolle. Der Kurs ist Teil des sogenannten DobroLabs.
Freiwillige organisieren ihre eigenen Kreativ-Workshops, erzählt Stanka Minarik Imrisova: „Unser Plan war es, 2026 250 Freiwillige zu haben. Aber schon 2025 waren es 400. Das Interesse ist also groß. Und wir sehen, dass Freundschaften entstanden sind, auch Beziehungen. Solche Geschichten verändern das Leben von Menschen. Das ist der Beginn einer Transformation von Trencin.“
Rechtsnationalistische Kulturpolitik aus Bratislava
Die Gesellschaft in der Slowakei ist tief gespalten, zwischen Anhängern des russlandfreundlichen Premiers Robert Fico und der liberal-konservativen Opposition. Die rechtsnationale Kulturministerin Martina Simkovicova will nur noch fördern, was sie als traditionelle slowakische Kultur betrachtet.
Sie hat landesweit Dutzende Kulturmanager entlassen. Ausstellungen wurden abgesagt oder mussten verändert werden. Die Finanzierung der freien Kultur ist gefährdet. In Trencin ist davon das freie Stadttheater betroffen, das ums Überleben kämpft.
Doch in das Kulturhauptstadtprogramm kann die Regierung nicht eingreifen, das ist sogar per Gesetz festgelegt. Außerdem werden viele Institutionen in Trencin von der Stadt finanziert, und nicht aus Bratislava – auch die Kunstgalerie.
Benannt ist sie nach dem Maler Milos Alexander Bazovsky. Er war einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts der Slowakei und lebte zuletzt in Trencin. Die Galerie ist eine der wichtigsten Partnerinnen im Kulturhauptstadtjahr, erzählt die Leiterin Barbora Petrikova.
Sie kenne mehrere Kulturschaffende, die aus der Hauptstadt nach Trencin zurückgekehrt sind. Sie brächten neue Ideen und Kontakte. In Bratislava sei es „nebliger“ geworden, sagt Petrikova in Anspielung auf die Politik Ficos. „Aber wir leben auf.“








