Stand: 29.11.2025 01:34 Uhr
Als innenpolitisches Erdbeben bezeichnen Kommentatoren in der Ukraine den Rücktritt von Präsidialamtschef Jermak. Sie sind sich weitgehend einig: Der Abgang war unausweichlich – die Folgen für das politische System bleiben offen.
Am frühen Freitagabend entlässt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen engsten Vertrauten, Präsidialamtschef Andrij Jermak. Hintergrund sind laufende Korruptionsermittlungen in deren Zusammenhang am Freitagmorgen auch die Wohnung Jermaks durchsucht wurde.
Der Rücktritt von Selenskyjs engstem Berater gleicht einem innenpolitischen Erdbeben, meint der Politologe Wolodymyr Fesenko im ukrainischen Fernsehen. „Dieser Rücktritt ist eine Art Mini-Revolution im politischen und administrativen System der Ukraine“, sagt Fesenko. „Jermak war eine Schlüsselfigur in der bestehenden Machtstruktur. Im Wesentlichen handelte es sich um eine superpräsidiale Republik. Die Entlassung von Jermak wird diese Machtkonstellation erheblich verändern.“
„Bedeutet nicht, das System zu ändern“
Aber das sehen nicht alle so: Jermak galt Kritikern stets als Strippenzieher hinter Präsident Selenskyj, war nicht nur dessen engster Berater, sondern auch Architekt eines stark zentralisierten Machtsystems. Daher müsse es nun weitreichendere und systematische Veränderungen im System geben, fordern viele – unter ihnen auch der ehemalige Außenminister Dmytro Kuleba.
„Die Gesellschaft hat die Entlassung von Andriy Yermak gefordert, das stimmt“, erläutert Kuleba auf seinem YouTube-Kanal. „Aber es gibt noch größere Forderungen der Gesellschaft nach qualitativen Veränderungen. Veränderungen in der Art und Weise, wie der Staat verwaltet wird.“ Der Präsident könne diese Veränderungen jetzt herbeiführen, wenn er das System wirklich reformieren wolle. „Denn Yermak zu entlassen, bedeutet nicht, das System zu ändern. Man kann eine andere Person mit den gleichen Befugnissen einsetzen, und alles bleibt, wie es ist.“
„Selenskyj musste diese Entscheidung treffen
Auch Vitalij Portnikow zeigt sich in einer ersten Einschätzung vorsichtig. Die Entlassung Jermaks bedeute noch nicht, dass sich substantiell etwas verbessern werde im Land. Doch der Druck durch die Korruptionsaffäre sei so groß geworden, dass der ukrainische Präsident keine andere Wahl gehabt habe, seine rechte Hand zu entlassen, argumentiert der bekannte Politikjournalist.
„Selenskyj musste diese Entscheidung treffen“, sagt Portnikow, „da er verstanden hat, dass diese Ermittlungen nicht nur die Autorität des ukrainischen Präsidenten, sondern des gesamten Staates untergraben und das Vertrauen der Gesellschaft und unserer Verbündeter in diesen Staat erschüttert haben. Unsere Partner wissen was los ist, das sind ja keine Idioten.“
Nachfolge noch unklar
Noch am Wochenende will der ukrainische Präsident Gespräche mit möglichen Nachfolgern führen. Welche langfristigen Folgen die Entlassung Jermaks hat, das wagt aktuell kaum jemand zu prognostizieren. Es ist ein schwerer Schlag für den ukrainischen Präsidenten. Viele Beobachter empfinden die Trennung von Jermak aber als lange überfällig.








