„Die Geschichte vom Prinzen Genji“ Wie der erste Liebesroman der Weltliteratur entstand
Stand: 25.11.2025 20:01 Uhr
„Die Geschichte vom Prinzen Genji“ wird oft als der älteste Liebesroman der Weltliteratur bezeichnet. Geschrieben von einer Frau vor rund tausend Jahren am Kaiserhof in Kyoto: Murasaki Shikibu. Ihr Werk ist bis heute in Japan beliebt.
Von Dominic Konrad, SWR Kultur
Ich glaube, mein Herz erkannte, wer sie ist – die vom Schimmer weißen Taus noch schöner leuchtende Yūgao.
Ein Gedicht mit nur wenigen Zeilen, übergeben mit einem kostbaren Fächer, der mit Yūgao, der japanischen Glockenblume, bemalt ist. Dazu der sanfte Hauch eines wohligen Dufts. So beginnt eine kurze, aber intensive Liebe für Hikaru Genji, den „strahlenden Prinzen“ und Helden des vielleicht ältesten Romans der Weltliteratur.
Liebe, Leidenschaft und Etikette am Kaiserhof
„Die Geschichte vom Prinzen Genji“ ist ein Text über Liebe, Leidenschaft und strikte höfische Etikette in der Heian-Zeit, die um das Jahr 1.000 ihre große Blüte fand. Sie gilt bis heute als das goldene Zeitalter der klassischen japanischen Kultur.
Im Zentrum des Romans steht Prinz Genji. Als Sohn einer Nebenfrau des Kaisers, deren Familie wenig Einfluss bei Hofe hat, bleibt ihm die Thronfolge verwehrt. Doch mit überragendem Intellekt und Schönheit gesegnet, lässt sich Genji auf mehrere und nicht immer einfache Liebschaften ein. Eine der tragischsten ist die zu seiner eigenen Stiefmutter Fujitsubo. Der Kaiser nahm sie zur Frau, weil sie ihn an die verstorbene Mutter des Prinzen erinnerte.
Strikte Rituale und hierarchisches Geflecht um den Kaiserpalast
Seit Ende des achten Jahrhunderts war Heian-kyō, das heutige Kyoto, die Hauptstadt des japanischen Kaiserreichs. Hier entwickelte sich im und um den neuen Kaiserpalast eine Hofkultur, die geprägt war durch strikte Rituale, ein aufwändiges Hofzeremoniell und ein komplexes hierarchisches Geflecht aus Rängen und Posten.
Selbst die Beziehungen zwischen Mann und Frau waren bei Hofe streng reguliert. Frauen lebten zurückgezogen, durch Bambus-Vorhänge vor dem männlichen Blick verborgen. Selbst Verheiratete führten ihren jeweils eigenen Haushalt.
Über die Autorin des Romans ist wenig bekannt
In diese Welt wird Murasaki Shikibu, die Autorin des „Genji“-Romans, um das Jahr 975 geboren. Auch wenn Fragmente ihrer Tagebücher die Jahrhunderte überdauert haben, wissen wir nur wenig über ihre Lebensdaten – nicht einmal ihren tatsächlichen Namen. „Murasaki“ ist der Name einer ihrer Romanfiguren, den Beinamen „Shikibu“ erbt sie von ihrem Vater. Er kennzeichnet dessen Position als Zeremonienmeister am Kaiserhof.
Schon in ihrer Jugend soll sich Murasaki als fähige Dichterin hervorgetan haben. Sie studiert die Klassiker der chinesischen Literatur – ein besonderes Privileg, denn eigentlich ist die chinesische Schrift nur Männern vorbehalten. Sie gilt als Schrift der Verwaltung und Regierungsgeschäfte.
Schriftstellerin am Hof der Kaiserin
Erst mit Ende zwanzig heiratet Murasaki einen deutlich älteren Mann aus der eigenen Familie, dem einflussreichen Fujiwara-Clan. Die Ehe ist nur von kurzer Dauer: Zwei Jahre nach der Heirat stirbt er, vermutlich an der Cholera. Zu dieser Zeit beginnt Murasaki wohl auch mit der Arbeit an ihrem Roman. Ihre Texte verbreiten sich schnell unter den Adligen in der Hauptstadt.
1005 wird die verwitwete Adelige eingeladen, als Hofdame in den Haushalt der Kaiserin einzutreten. Ob sie ihrer Herrin als ältere Beraterin, als Chinesisch-Lehrerin oder vielleicht sogar wegen ihres hohen Ansehens als Schriftstellerin dienen soll, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden.
Etwa sechs Jahre dient Murasaki im Palast, dann verlieren sich ihre Spuren im Nebel der Geschichte. Über den Zeitpunkt ihres Todes streitet die Forschung bis heute: Man geht davon aus, dass sie zwischen 1014 und 1025 gestorben sein muss.
„Genji“ prägt Japans Kultur und Schrift über Jahrhunderte
Auch tausend Jahre nach seiner Niederschrift bleibt die „Geschichte vom Prinzen Genji“ eines der prägendsten Werke der japanischen Literatur. Und hinterlässt auch in der Sprache einen bleibenden Eindruck.
Da Murasaki und andere schreibende Hofdamen keine chinesischen Schriftzeichen nutzen dürfen, verfassen sie ihre Texte in einer neuartigen Silbenschrift. Aus dieser „Frauenschrift“ entwickeln sich die sogenannten „Hiragana“. Bis heute sind sie neben den chinesischen Zeichen die zentralen Elemente des komplexen japanischen Schriftsystems.
Bis heute beliebt – auch als Manga
Über die Jahrhunderte werden die vielschichtigen, leidenschaftsgetriebenen und konfliktgeplagten Figuren aus Murasakis Text von japanischen Gelehrten studiert und diskutiert. Bekannte Kapitel des Romans werden etwa im 12. Jahrhundert zum Gegenstand kostbar bemalter Schriftrollen. Im 15. Jahrhundert prägen Genji-Episoden das japanische Noh-Theater.
Aus heutiger Sicht verstören einige Episoden des Romans: Etwa, wenn Prinz Genji ein kleines Mädchen zu sich nimmt, um sie zum Ebenbild ihrer Tante, seiner geliebten Stiefmutter, zu formen. Er nimmt sie später zur Frau.
Auch darüber hinaus werden moderne Leserinnen und Leser, ob in Japan oder in anderen Ecken der Erde, Murasakis Meisterwerk wohl nie mehr in Gänze entschlüsseln können: Zu weit weg sind der Kaiserhof der Heian-Zeit, seine Sitten, seine Sprache und die vielen literarischen Anspielungen, die Murasaki macht und die über die Jahrhunderte verloren gingen.
Trotz alledem: Bis heute inspiriert der altertümliche Stoff immer wieder aufs Neue: Ob als Spielfilm, Oper, Musical, Anime-Serie, Manga oder sogar als Videospiel. Der „Geschichte vom Prinzen Genji“ kann man auch nach über tausend Jahren immer neue Lesarten entlocken.








