Stand: 29.11.2025 17:10 Uhr
Bundestagspräsidentin Klöckner fordert ein Sexkaufverbot nach dem Vorbild Schwedens. Strafbar machen sich dort nur die Freier. Was bedeutet das für schwedische Sexarbeiterinnen?
In einem Hotelzimmer in der schwedischen Provinz wartet eine Frau, die ein Doppelleben führt. Sie soll Maria Andersson genannt werden, um ihre Identität zu schützen.
Ihren Nachbarn sagt die Schwedin, dass sie ihr Geld in der Fabrik verdient. Der Inhalt ihrer Tasche verrät, womit sie wirklich arbeitet: Sexspielzeug und dutzende Kondome hat sie dabei. „Das Wichtigste ist, dass ich meine Kunden fesseln kann, wenn sie das bestellt haben. Diese Handschellen hier mag ich, die funktionieren sehr gut. Sie sind aus Leder, also gibt es später am Handgelenk keine blauen Flecken“, erklärt sie.
„Meine Kunden wissen, dass sie gegen das Gesetz verstoßen“
Seit zehn Jahren arbeite Andersson als Sexarbeiterin – freiwillig, sagt sie. Das Gesetz erlaubt das auch. Für die Freier ist das Treffen mit ihr allerdings strafbar. Denn der Kauf von Sex ist in Schweden verboten.
„Meine Kunden sind sehr nervös. Denn sie wissen, dass sie gegen das Gesetz verstoßen“, erklärt Andersson. „Ich versuche also, mich so gut es geht anzupassen, auf ihre Situation einzugehen. Das macht es aber auch gefährlicher für mich. Sexarbeit in Schweden – das ist wirklich nicht einfach.“
Anonym bis zum Schluss
Andersson schaltet ihre Anzeigen auf nicht-schwedischen Seiten, erzählt sie. Die Freier, die zwischen 18 und 80 Jahren alt sind, kontaktieren sie dann über Chatdienste. Sie bleiben immer anonym, bis zum Schluss.
Wen sie schließlich trifft, weiß Andersson also nie. „Ich kenne nicht den echten Namen, weiß nicht, was für ein Mensch das ist. Und die Freier wissen, dass ich Angst habe, zur Polizei zu gehen“, sagt sie. „Denn auch ich würde Probleme bekommen. Das Risiko, dass ich vergewaltigt oder ausgeraubt werde, ist also ziemlich groß.“
Geschätzt nur 300 Sexarbeiterinnen
Sexarbeiterinnen wie Maria Andersson gibt es in Schweden kaum noch. Geschätzt sind es etwa 300. Denn der Kauf von Sex ist dort seit mittlerweile 25 Jahren verboten.
Jedes Jahr gibt es Anzeigen und Geldstrafen. Aus der Öffentlichkeit ist Prostitution mittlerweile verschwunden. Die Polizistin Janna Davidsson sagt, dass in der Folge auch der Menschenhandel im Land deutlich zurückgegangen sei.
Mehrere Länder folgen Schwedens Modell
„Ich weiß, dass andere Länder argumentieren, dass es ein Selbstbestimmungsrecht sein sollte, ob man sich prostituiert oder nicht“, so Davidsson.
„Wir aber sagen, dass sich in einer gleichberechtigten Gesellschaft niemand freiwillig für die Prostitution entscheidet. Denn am Ende geht es hier um männliche Gewalt an Frauen und um Machtmissbrauch.“
Länder wie Norwegen und Frankreich hätten das schwedische Modell übernommen. Wenn auch Deutschland den Schritt ginge, hätte das eine große Wirkung, findet Davidsson: „Deutschland ist ein sehr großer Markt. Auch aus Schweden kommen Freier, um dort Sex zu kaufen. Wenn Deutschland den Sexkauf verbietet, würde das viele Straftaten verhindern.“
„Sexkauf hört nicht einfach auf“
Sexarbeiterin Maria Andersson sieht das etwas anders. Das Gesetz mache das Gewerbe zwar schwieriger. Prostitution gebe es aber weiter.
„Sexkauf hört nicht einfach auf, nur weil es ein Gesetz gibt, das Sexkauf verbietet. Laut Untersuchungen hat in Schweden jeder zehnte Mann schon einmal in seinem Leben für Sex bezahlt“, sagt sie.
Auch deshalb will sich Andersson in der Organisation „Red Umbrella“ für mehr Rechte von Sexarbeiterinnen einsetzen. Sie selbst will weitermachen und in Schweden auch künftig ihr Doppelleben führen.








