Bosnien und Herzegowina Auf der Suche nach den Kriegstouristen von Sarajevo
Stand: 23.11.2025 12:10 Uhr
Gab es während der Belagerung Sarajevos in den 1990er-Jahren Kriegstouristen, die für viel Geld als Scharfschützen auf Zivilisten geschossen haben? Bosnische Quellen bestätigen italienische Recherchen. Doch Fragen bleiben.
Von David Freches, ARD Wien
Die Berichterstattung der vergangenen Tage hat bei Stana Čišić die Erinnerungen wieder hochgeholt: die Erinnerung an das Grauen während der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos im Bosnienkrieg Anfang und Mitte der 1990er-Jahre.
Neben dem permanenten Artilleriefeuer schossen Scharfschützen der bosnisch-serbischen Armee aus den Hügeln rund um Sarajevo damals auf alles, was sich bewegte. Auch Čišićs einjährige Tochter Irina kam nach einem Spaziergang mit der Mutter ins Visier. „Vor unserem Eingang sind wir stehen geblieben, um eine Freundin zu begrüßen. Hier kann ich bleiben, hier sind wir geschützt, zwischen Gebäuden“, habe sie damals gedacht, erzählt Stana Čišić.
Irina konnte schon laufen und wollte, dass ich sie absetze. Während ich sie abgesetzt habe, habe ich nur einen dumpfen Klang gehört. Ich dachte, ihre Windel ist geplatzt. Ich habe sie angesehen, und sie hat da schon ihr Bewusstsein verloren. Ihre Augen drehten sich schon nach oben. Ich habe sie hochgehoben und sie zwei, drei Mal gerufen, und dann habe ich begriffen, dass sie getroffen wurde.
Ein Kind, das aus dem Nichts von einem Scharfschützen getötet wird: Es ist ein Beispiel dafür, wie extrem die Belagerung Sarajevos damals war.
Sarajevo ist von Bergen umgeben. Das machten sich die Kämpfer der bosnischen Serben zunutze, als sie die Stadt belagerten.
Hunderte Zivilisten durch Scharfschützen getötet
Videos aus der Zeit zeigen Menschen, die um ihr Leben über eine breite Straße rennen; Autos, die mit Vollgas durch die Stadt fahren, da immer wieder Schüsse fallen.
Viele Teile der Stadt waren wegen der Tallage für die Scharfschützen frei einsehbar. Darunter auch die wichtige Hauptverkehrsader der Stadt, die als „Sniper Alley“ bekannt wurde – als „Scharfschützen-Gasse“. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien sagt, dass die Scharfschützen mindestens 225 Zivilisten in der Stadt erschossen haben.
Aber auch Kriegstouristen, die zuvor viel Geld bezahlt haben, sollen geschossen haben. Das behauptet der italienische Publizist Ezio Gavazzeni gegenüber der ARD.
„Ich habe zum ersten Mal in den 1990er-Jahren davon gehört. Dann kam 2022 der Doku-Film ‚Sarajevo Safari‘ raus. Ich habe den Regisseur kontaktiert, er hat mir ein paar Ratschläge gegeben, und ich habe angefangen, zu recherchieren. Irgendwann wurde mir klar, dass das, was ich entdeckt hatte, wichtig war, und ich habe es der Staatsanwaltschaft vorgelegt.“
Die Bürger der belagerten Stadt konnten die Straßen einigermaßen gesichert nur mit Hilfe von UN-Blauhelmen überqueren.
Staatsanwälte müssen sich nicht äußern
Einer der Beweggründe dazu war für Gavazzeni, dass auch reiche Italiener zu den Scharfschützen gehört haben sollen. Die Staatsanwaltschaft in Mailand soll laut italienischen Medienberichten ermitteln.
Ob das stimmt, ist unklar. Sie hat in Italien generell keine Auskunftspflicht gegenüber der Presse und äußert sich auch nicht auf ARD-Anfrage. Gavazzeni sagt: Teile seines Dossiers, das bei der Staatsanwaltschaft liegt, seien an die Zeitung La Repubblica durchgestochen worden. Das habe die internationale Berichterstattung der vergangen Tage ausgelöst. Überprüfen lässt sich das nicht.
„Das alles ist in den Archiven“
Dass Gavazzeni selbst aktiv geworden ist, liegt an besagtem Dokufilm „Sarajevo Safari“, der das Phänomen des vermeintlichen Kriegstourismus aufgegriffen hatte. Der Film stützt sich dabei auf verschiedene Zeugenaussagen, unter anderem die von Edin Subašić. Er war Offizier beim bosnischen Militärgeheimdienst und zuständig für die Feindanalyse.
„Meine Quellen sind dienstliche Dokumente, die in den militärischen Archiven in Sarajevo sind. Es gibt Archive der serbischen Streitkräfte in Banja Luka“, sagt Subašić. „Über manche dieser Dokumente spreche ich im Film. Die habe ich selbst gesehen. Ich habe auch eine Analyse zu dem Thema geschrieben. Das alles ist heute in den Archiven.“ Auch wenn es als Militärgeheimnis eingestuft und nur der Staatsanwaltschaft zugänglich sei.
Der ehemalige Geheimdienstler sagt, er habe die Behörden in Italien bereits während der Belagerung über die italienischen Tatverdächtigen informiert.
„Pazi Snajper“ – Vorsicht Scharfschützen! Auf der sogenannten Sniper Alley warnten Schilder die Passanten vor den Scharfschützen von den Bergen.
„100.000 Euro an Gebühren“ für den Mord
Dass Ausländer in den Reihen der bosnisch-serbischen Armee kämpften, ist nicht neu. In Sarajevo gab es Söldner, die für ihren Einsatz bezahlt wurden.
Doch bei den mutmaßlichen Kriegstouristen war es andersherum – und die Summen sollen extrem hoch gewesen sein. „Wenn so ein Jäger-Mörder einen Erwachsenen töten möchte, eine Frau, ein Kind oder einen Soldaten, dann gab es unterschiedliche Gebühren“, so Subašić.
„Jetzt gibt es Informationen, dass jemand von ihnen 90.000 damalige Dollar bezahlt hat. Und dass viele andere in anderen Währungen gezahlt haben. Es gab auch bis zu 100.000 Euro zum Beispiel an Gebühren. Das zeigt uns, dass es sich um ziemlich reiche Leute gehandelt hat und dass sie in ihren Ländern zu den gesellschaftlichen Eliten gehörten.“
Das Geld soll an die bosnisch-serbische Armee geflossen sein und an die Unterstützer in Serbien, die die mutmaßlichen Kriegstouristen von dort in die entsprechenden Stellungen brachten. Auch das beschreibt die Doku „Sarajevo Safari“.
Wird die bosnische Justiz nun aktiv?
Nachdem sie veröffentlicht wurde, stellte die damalige Bürgermeisterin von Sarajevo bei der Staatsanwaltschaft von Bosnien und Herzegowina Strafanzeige. Passiert ist bis heute nichts. Edin Subašić hofft, dass sich das nun ändert.
„Ich glaube, es ist jetzt eine neue Situation für die Staatsanwaltschaft Bosnien und Herzegowinas. Es ist nicht nur eine Aktion in Italien. Es ist wirklich ein großer Schritt, den die bosnische Justiz nicht ignorieren dürfte. Ich erwarte, dass jetzt etwas passiert. Es ist ein Fall, der eine Zusammenarbeit mit der internationalen Justiz benötigt.“
Das Ende der Belagerung Sarajevos ist im Februar 30 Jahre her – die Folgen dessen beschäftigten die Menschen noch heute. Ob die Justiz nun aktiv wird und wie weit sie dabei kommen würde, das Grauen zumindest in Teilen aufzuklären, bleibt offen.








