Doku „Mr. Nobody Against Putin“ Kriegspropaganda in russischen Klassenräumen
Stand: 29.11.2025 18:27 Uhr
Zwei Jahre filmte Pavel Talankin, wie russische Schüler indoktriniert werden. Daraus entstand die Doku „Mr. Nobody Against Putin“. Im ARD-Gespräch schildert der im Exil lebende Lehrer seine Erfahrungen.
Pavel Talankin arbeitet in der russischen Kleinstadt Karabasch im Ural in der Schule Nummer Eins als Videobeauftragter. Kurz nach der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 erhalten alle Schulen in Russland Anweisungen, wie dieser Krieg im Unterricht behandelt werden soll. Talankin wird beauftragt, alles zu filmen – als Beweis.
„Als ich die allererste Unterrichtsstunde aufgenommen hatte, dachte ich, ich werde verrückt. Die Geschichtslehrerin erklärte, dass Russland, die Ukraine und Belarus befreundete Länder seien. Aber dass die Ukraine auf dem Weg zum Neonazismus sei und wir sie befreien müssen“, erzählt Talankin.
Jeden Montag finden in russischen Schulen die „Gespräche über Wichtiges“ statt. Alle Kinder und Jugendlichen grüßen die russische Flagge, schreiben Soldaten an der Front, lernen zu marschieren und manchmal noch mehr.
Pädagoge Talankin filmt einen Besuch der paramilitärischen Wagner-Gruppe. Die Söldner raten den Kindern, einen Helm niemals unter dem Kinn zu schließen, um sich bei Streifschüssen nicht das Genick zu brechen. Anschließend folgen Granatenweitwurf und Schießübungen.
Die Dokumentation „Mr. Nobody Against Putin“
Die 90-minütige Dokumentation ist eine dänisch-tschechische Co-Produktion mit der Beteiligung von BBC, NRK, SVT, RTS, VPRO und ZDF/ARTE.
Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem World Cinema Documentary Special Jury Award des diesjährigen Sundance Film Festivals. Dänemark reichte den Film als Kandidat für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester internationaler Film ein. Ob er tatsächlich in das Rennen geht, wird im Januar bekannt gegeben.
In Dänemark und Tschechien feierte „Mr. Nobody Against Putin“ bereits Kinopremiere. Wann und ob der Film in deutschen Kinos zu sehen sein wird, ist unklar.
Hunderttausende Lehrkräfte in Russland haben Job aufgegeben
Auch eine Jugendarmee lässt Russlands Präsident Wladimir Putin im ganzen Land aufbauen – ähnlich wie die Pionierorganisation zu Sowjetzeiten, sagt Talankin. Sein Videomaterial muss er ans Bildungsministerium schicken – und anschließend vernichten. „Aber mir ist klar geworden, dass ich kein moralisches Recht dazu habe, das alles zu löschen. Denn es ist der Beweis dafür, wie Propaganda in russische Schulen gelangt und was in den Schulen im Inneren passiert“, erinnert sich der Lehrer.
Fast 200.000 Lehrkräfte haben in Russland in den vergangenen zwei Jahren gekündigt. An seiner Schule im Ural erlebt Talankin überzeugte Putin-Anhänger: Die Sportlehrerin kämpft freiwillig in der Ukraine, sie steuert Drohnen. Es habe auch kritische Kollegen gegeben, doch die hätten inzwischen keine Hoffnung mehr für ihre Heimat, erzählt Talankin heute.
„Die Propaganda wird in ihren Köpfen bleiben“
Über soziale Medien nimmt der junge Russe Kontakt zu einem US-Filmemacher in Dänemark auf. Der gemeinsame Plan für eine Dokumentation entsteht. Nach zwei Jahren wird die Gefahr für den Lehrer in Russland zu groß, er flüchtet nach Europa – mit seinem gesamten Videomaterial. Tschechien gewährt dem 35-Jährigen Asyl als Whistleblower.
Den Westen hält Talankin im Umgang mit Russland für naiv. „Selbst wenn es jetzt gelingen sollte, erfolgreich Friedensgespräche zu führen, selbst wenn es gelingt, diesen Krieg anzuhalten, wird er nicht wirklich beendet sein“, sagt er. Putin werde alles tun, um einen Waffenstillstand als seinen Sieg darzustellen. „Und diese Propaganda, von der die Schulkinder durchtränkt sind, die kann man nicht einfach so rauswaschen. Die Propaganda wird in ihren Köpfen bleiben.“








