Stand: 16.11.2025 20:55 Uhr
Ein Neusser Auktionshaus plante, Briefe von Holocaust-Opfern und Täter-Dokumente zu versteigern. Das Auschwitz-Komitee forderte die Absage des „zynischen und schamlosen Unterfangens“. Dem kam das Auktionshaus nun nach.
Die ursprünglich für Montag geplante Versteigerung wurde abgesagt. Das teilte ein Sprecher der NRW-Staatskanzlei dem WDR am Sonntagnachmittag mit. Der Chef der NRW-Staatskanzlei, Nathanael Liminski (CDU), habe von dieser Entscheidung in einem Telefonat mit dem Gründer des Neusser Auktionshauses erfahren. Mehrere Kontaktversuche des WDR hatte das Auktionshaus zuvor unbeantwortet gelassen.
Der Katalog mit Details und Preisen zu den Dokumenten inklusive des ursprünglichen Termins am Montag war am Sonntagmittag von der Internetseite des Hauses verschwunden. Stattdessen steht für den Montag nun eine Versteigerung von Briefen, signierten Fotos sowie Bildern von Adeligen, Prominenten und Künstlern laut Webseite an.
Polen verlangt Übergabe an Gedenkstätte Auschwitz
Die geplante Auktion rief sogar die Politik auf den Plan. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski hatte am Sonntag mit seinem deutschen Amtskollegen Johann Wadephul gesprochen und auf der Plattform X mitgeteilt: „Wir sind uns einig, dass ein solches Ärgernis verhindert werden muss.“
Dass die Auktion schließlich abgesagt wurde, begrüßte der deutsche Botschafter in Polen, Miguel Berger. Diese hätte „niemals stattfinden dürfen“. Die polnische Botschaft in Deutschland dankte auf X allen, deren Intervention zur Absage geführt habe. Botschafter Jan Tombinski habe sich in den vergangenen Tagen auch an Behörden in NRW gewandt, hieß es. Laut der Nachrichtenagentur KNA verlangt Polen die Übergabe der Dokumente an die Gedenkstätte Auschwitz.
Auktion zu Dokumenten der NS-Vernichtungsmaschinerie
Auch das Fritz-Bauer-Institut hatte zuvor massive Kritik an der geplanten Auktion geübt. „Der Brief eines polnischen Auschwitz-Häftlings aus dem Jahr 1940 für 180 Euro? Die Gestapokarteikarte mit Informationen zur Hinrichtung eines jüdischen Bewohners des Ghettos Mackheim in Ostpreußen im Juli 1942 für 350 Euro? Oder doch lieber die Mitteilung über den Tod einer 1944 im Rahmen der sogenannten Euthanasie ermordeten Patientin der Landesheilanstalt Hadamar ebenfalls für 350 Euro?“, fragte das Frankfurter Institut in einer Pressemitteilung entsetzt.
Ursprünglich hatte das Neusser Auktionshaus geplant, am Montag mehrere hundert Briefe aus der Sammlung eines privaten NS-Forschers zu versteigern – ihr Inhalt ist mindestens brisant. Es handelt sich teilweise um die Korrespondenz von Häftlingen deutscher Konzentrationslager mit ihren Angehörigen. Daneben sollten auch Täter-Dokumente angeboten werden.
Arbeitsausweis der Ghettoverwaltung für ein Kind
Unter den 632 Losen befanden sich auch die Notizen Arthur Liebehenschels, dem Kommandanten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Die hatte er in Vorbereitung auf seine Verteidigung im Krakauer Auschwitz-Prozess 1947 verfasst. Auch Judensterne, antisemitische Propaganda-Plakate, Gestapo-Karteikarten und andere NS-Materialien sollten versteigert werden. Woraufhin auch Gedenkstätten den Fall diskutierten. Das Internationale Auschwitz-Komitee und das Fritz-Bauer-Institut, das zur Geschichte und Wirkung des Holocausts forscht, forderten wie die polnische Regierung die Absage.
Auschwitz-Komitee: „zynisches und schamloses Unterfangen“
Die angekündigte Versteigerung persönlicher Dokumente von NS-Opfern unter dem Titel „Das System des Terrors Vol. II 1933–1945“ werde von Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen als „zynisches und schamloses Unterfangen“ gewertet, sagte Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Das Leid aller Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, werde aus kommerziellem Interesse missbraucht.
Dokumente der Verfolgung und des Holocaust gehörten den Familien der Verfolgten. Sie sollten in Museen oder in Ausstellungen von Gedenkstätten ausgestellt und nicht zu Handelsobjekten degradiert werden. „Wir fordern die Verantwortlichen des Auktionshauses auf, menschlichen Anstand zu bewahren und die Auktion abzusagen“, sagte Heubner.
Fritz-Bauer-Institut kritisiert „zynische Verwertungslogik“
Auch das Fritz-Bauer-Institut reagierte erbost: Man protestiere gegen den kommerziellen Handel mit Dokumenten der NS-Verfolgung und des Holocausts, hieß es in einer Pressemitteilung. Die Dokumente würden einer „zynischen Verwertungslogik“ unterworfen und Persönlichkeitsrechte teilweise missachtet.
Das vor allem auf Briefmarken und Münzen spezialisierte Auktionshaus aus Neuss sah das zunächst anders. Auf Anfrage der FAZ hatte es mitgeteilt, private Sammler betrieben „intensive Forschung“, leisteten einen „Beitrag zur historischen Aufarbeitung“ und ihre Tätigkeit diene nicht „dem Handel mit Leid, sondern der Bewahrung“ der Erinnerung.
Herkunft der Dokumente aus der NS-Zeit
Kunstmarktexperte Stefan Koldehoff
Mit der Herkunft solcher Dokumente aus der NS-Zeit beschäftigt sich Kulturredakteur Stefan Koldehoff seit Jahren. Wie er dem WDR sagte, stammten solche Dokumente in aller Regel von den Tätern, die Sachen aus Archiven beiseite geschafft hätten.
„Man hat Sachen auch nicht in die Öffentlichkeit geben wollen, um selbst nicht angeklagt zu werden. Und jetzt gibt es eine bestimmte Generation von Menschen, die merken, was Opa oder Uropa da mal gemacht hat und was er vielleicht noch auf dem Speicher liegen hat – und diese Sachen kommen jetzt in den Handel.“ Mit anderen Worten: Es könnten die Enkel der Täter sein, die mit den Dokumenten der Opfer Geld machen.
Unsere Quellen:
- Internationales Auschwitz-Komitee
- Fritz-Bauer-Institut Frankfurt
- Nachrichtenagentur dpa, KNA
- Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
- Webseite des Auktionshauses








