analyse
Bundesparteitag der Grünen Homöopathie statt großer Themen?
Stand: 28.11.2025 13:34 Uhr
Rentenreform, Wehrdienst oder Haushaltsloch – keine Themen, die auf dem Grünenparteitag heute oben auf der Agenda stehen. Stattdessen soll es um Homöopathie gehen. Fehlt bei den großen Themen die gemeinsame Linie?
Ein großer grüner Balken an der Wand. So motivieren sich die Grünen im baden-württembergischen Nürtingen für die kommende Landtagswahl. „Wahlkampf-Kick-Off“ heißt diese Veranstaltung in einem Saal vor etwa 20 Mitgliedern. Eine Präsentation an der Wand zeigt alte Wahlergebnisse und aktuelle Umfragen – und damit schon die schwierige Lage, in der die Partei derzeit steckt.
Fast 39 Prozent hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann 2021 hier im Wahlkreis geholt. Von solchen Rekordwerten sind die Grünen nun weit entfernt. In den landesweiten Umfragen führt die CDU. „Das ist eine Aufholjagd, die wir in den letzten 100 Tagen starten“, sagt Wahlkreiskandidatin Clara Schweizer. Der Saal applaudiert. Nur wie kommen die Grünen aus ihrer Krise raus?
Keine linken Störmanöver im Ländle erwünscht
Der Parteitag in Hannover ist der erste als Oppositionspartei im Bund. Die Baden-Württemberger erhoffen sich, dass die etwa 800 Delegierten nicht allzu stark links blinken mit ihren Beschlüssen. Jetzt bloß keine Störmanöver kurz vor der Wahl im traditionell pragmatischen Ländle – das ist die Devise aus dem Südwesten.
Andere Grüne, etwa aus Hamburg oder Berlin, wollen dagegen deutlich stärker darauf reagieren, dass die Linke den Grünen derzeit in Städten das Milieu streitig macht. Sie wollen über Steuerpolitik und Umverteilung sprechen, über Immobilienkonzerne, die stärker in die Verantwortung genommen werden sollen.
Grüne profitieren nicht von Konflikten in der Regierung
So richtig hat die Partei ihre Rolle in der Opposition noch nicht gefunden. Dass Schwarz-Rot viele Themen verstolpert und sich zerstreitet – davon profitiert vor allem die AfD. Die grünen Umfragewerte stagnieren. Bei den fünf Landtagswahlen im kommenden Jahr könnte die Partei weitere Regierungsbeteiligungen verlieren.
Wie können die Grünen sichtbarer werden? Darauf antworten Partei- und Fraktionsspitze oft mit dem Hinweis auf den speziellen grünen Stil. „Wir führen eine respektvolle Debatte“, sagt Parteichef Felix Banaszak. „Das haben wir anderen in der Parteienlandschaft voraus.“
Wir sind die Erwachsenen im Raum – davon also sollen sich potenzielle Wähler angezogen fühlen. Aber reicht das? Klare Kante in heftig diskutierten Fragen wie Rente oder Wehrpflicht ist bei den Grünen gerade nicht erkennbar. „Wir positionieren uns zu sehr zentralen Fragen dieser Zeit“, verspricht Banaszak immerhin vor dem Parteitag.
Wie wollen die Grünen sich zur Wehrpflicht positionieren?
Völlig unklar ist aber, wie die Positionen der Partei zusammenfinden sollen. Beim Thema Wehrpflicht gibt es eine große Bandbreite: Bei der Bundeswehr solle den Wehrpflichtigen „durch die militärische Erziehung Egoismus, Ellenbogengesellschaft und Befehl und Gehorsam eingeprügelt werden“, heißt es in einem Antrag auf dem Parteitag, der eine Wiedereinführung der Wehrpflicht komplett ablehnt.
Andere fordern dagegen seit Langem mehr Pflicht: Ein „Freiheitsdienst“ für alle – das ist ein Vorschlag der bayerischen Grünen. Klar ist nur: Die Parteispitze möchte in ihrem Leitantrag das Wort „Friedenspartei“ verankert wissen. Dagegen gibt es keine Änderungsanträge.
Umstritten ist auch, wie die Grünen auf die Nahostpolitik schauen: Wird das Leid einer Seite – der Israelis oder der Palästinenser – zu wenig wahrgenommen? Wann könnte ein Staat Palästina anerkannt werden? Ein Basisantrag fordert, dass dies jetzt schon geschehen solle. Andere sehen das erst „als Abschluss eines politischen Prozesses“.
Die Migrationspolitik wird bei diesem Parteitag wohl ganz ausgespart. Direkt nach dem Treffen soll eine grüne Migrationskommission die Arbeit aufnehmen – und das umstrittene Thema in der Partei einen. Das wirkt ein bisschen so, wie es die Bundesregierung macht und dafür von den Grünen kritisiert wird: schwierige Themen in Kommissionen verschieben.
Eine ratlose Partei
Stattdessen haben die Parteimitglieder per Abstimmung entschieden, dass sie in Hannover über Homöopathie diskutieren wollen und die Frage: Sollen Krankenkassen die Kosten dafür erstatten? Das ist seit Langem ein grünes Reizthema, wirkt aber angesichts der großen gesellschaftspolitischen Fragen wie ein Rückzug in die Nische.
Dass die Partei derzeit stagniert und etwas ratlos wirkt, das ist auch spürbar mit Blick auf das Motto des Parteitags: „Damit Zukunft wieder Zukunft hat“ soll auf großen Lettern in der Halle in Hannover prangen.
In Nürtingen geht man es praktischer an: Dort üben die Mitglieder im Saal den Haustürwahlkampf. Was sagt man, wenn Familienmitglieder oder Freunde die Grünen und den Klimaschutz bashen wollen? „Zu ambitionierte Klimaziele vernichten Arbeitsplätze“, das steht auf einer Pappe, für die die Nürtinger Gegenargumente finden sollen.
Vielleicht ist aber ihr eigentliches Ziel in den kommenden Monaten: Die Wähler davon überzeugen, dass das Rennen überhaupt noch offen ist – und es mit Cem Özdemir noch weitere Jahre einen grünen Ministerpräsidenten geben kann.










